Die Schönheit wird uns retten

clausAllgemein

Die Schönheit wird uns retten…

Schau auf den Zustand des Planeten…
Schau auf das Sosein der Kultur…
Schau auf die Politik…
Schau auf Dich…

Egal, wo wir hinschauen – die Schönheit kann uns immer da bewahren, wo wir drohen uns aufzugeben und uns zu verlieren. Die Ästhetik hat die Größe und Kraft das uns Mindernde zu überstrahlen und uns ins Licht zu ziehen!
Das Ästhetische und die Weise seiner Wahrnehmung als Schönheit haben eine über die Zeiten und über alle Abgründe hinweg strahlende Gestaltungskraft. Auf ihre Weise sind sie in einem tiefen Sinne wahr. Wir begegnen hier einer jener seltenen Wahrheiten, denen wir uns ohne zu zweifeln stellen können. Sie erinnert uns gerade in der heutigen Zeit, in der dunkle Ahnungen und Gewissheiten sich verbreiten. Ich meine die ahnende Gewissheit, dass die menschliche Geschichte ein baldiges Ende haben könnte oder zumindest tiefste Brüche erlebt. Sie erinnert uns an das Größere, das in jedem Menschen und durch jeden Menschen zur Vollendung ruft: die Ästhetik des Schöpferischen selbst. Die Antwort, die wir hier finden, führt in die Zustimmung zum großen Entwurf der Schöpfung, zur Dynamik von Entwicklung, Werden und Vergehen. Was auch geschehe, was uns auch begegne, die Übereinstimmung mit dem Lauf der Gestirne, dem Zauber einer Rose, dem Anmut einer Gazelle, der Harmonie einer Symphonie und dem unschuldigen Lächeln eines kleinen Kindes – sie können dadurch nicht in Frage gestellt werden.

In der Kunst hat der empfindsame Mensch eine Weise gefunden, das zu spiegeln, was die in Natur und Kosmos liegende Wahrheit als Schönheit ausmacht. So dringt er zu den Ursprungsbildern des Seins und Werdens vor. Er verhilft ihnen mit eigener Fertigkeit zu einem eigenen Ausdruck in einer eigenen Sprache. Zu Recht wurde die Kunst in manchen Traditionen der Geistesgeschichte als die Modellierung der sichtbaren und unsichtbaren Wesenhaftigkeit, der sichtbaren und unsichtbaren Impulse des Werdens angesehen. Sie erinnert damit jenseits von allem, was greifbar ist, auch an die Existenz und an die Wahrheit des Numinosen, des Geheimnisvollen, des Heiligen. Und sie ist dem Menschen Halt und Hilfe bei dessen Betrachtung. Somit gibt sie bei aller Individualität des Ausdrucks und aller damit verbundenen Subjektivität des Blicks gleichwohl dem Überindividuellen und Überzeitlichen Raum. In der Vielfalt ihrer Ausdrucksweisen ahmt sie das Universum nach und fügt ihm Neues hinzu. Kunstwerke in diesem Sinne erweitern den menschlichen Erkenntnisraum – und zwar sowohl im Prozess ihrer Erschaffung als auch dem ihrer Rezeption und Wahrnehmung.

Kunst gibt somit Zeugnis von dem, was Menschen an schöpferischer Erkenntnis hervorbringen können. Was sie in Jahrtausenden geschaffen haben – in ihrer Art und Weise zu malen, zu formen, sich zu bewegen, sich Ausdruck zu geben, zu singen und Klänge zu generieren – ist bei aller jederzeit mitschwingenden Vorläufigkeit doch auch der Ausdruck einer Gestalt annehmenden Sehnsucht nach Vollendung. Der Absurdität unseres Seins, wie Albert Camus sie konstatiert, stellen der schöpferische Prozess und das Kunstwerk die Ästhetik und die Suche nach Schönheit gegenüber. An ihren Kategorien kann die Welt sich messen und sich selbst beobachten und in der Folge vielleicht sogar ein wenig besser verstehen. Die Kategorien des Künstlerischen sind Elemente eines schöpferischen Kosmos. Im Menschen reifen sie zu einer eigenen Erhabenheit und Vollkommenheit. Sie verweisen auf Schönheit und Ästhetik des Seins an sich. Der Kosmos – das ist Schönheit an sich…Der Mensch in seinem Vollendungsdrang – ist Schönheit in nicht endender Entwicklung.

Schönheit und Ästhetik der Schöpfung haben einen ultimativen Eigenwert. In ihnen, nicht in Gleichförmigkeit und Wüste soll sich dieser Planet entwickeln. „Gott ist schön und liebt die Schönheit“, wie es ein sufisches Lied besingt.
Doch es geht noch um mehr. Im Prozess der Wahrnehmung des Künstlerischen erweisen sich die Aussagen des Kunstwerks oft nicht nur in einer größeren Vielfältigkeit als die Sprache. Ihnen scheint es möglich, die auf der Erde herrschende babylonische Sprachverwirrung zu überwinden. Deshalb kann Kunst durch ihre Ausdrucksweisen auch die Grenzen überspringen, die eine verwissenschaftlichte und rationalisierte Welt und die ihr zugeordneten Sprachen sich selber setzen. In einem blitzhaften Moment kontemplativer Schau und intuitiver Einsicht verhilft die Kunst zu einem Erkennen, das sonst kaum zu erlangen ist. Sie erreicht die Seele noch da, wo andere Zugangsweisen unzureichend sind. Die Bewunderung und das Staunen, das sie hervorzaubert, reichen schon, um auf das Wesentliche unausgesprochen zu verweisen. Kunst will zeigen, Ausdruck geben, die Wahrnehmung provozieren. Sie schürt und stärkt die Vorstellungskraft. Durch eine nüchterne Realität hindurch eröffnen sich nun Einblicke, wie Welt sein könnte.

Der künstlerische und ästhetische Prozess legen über das Absurde im Dasein einen Schleier der Schönheit. Sie lindern das Entsetzen. Zugleich demaskieren sie die Verschleierungen einer Wirklichkeit, die den Zugang zum Möglichen verdeckt. So hilft die Kunst nicht nur, mit der Wirklichkeit fertig zu werden, sie schlägt auch Löcher in den Beton der Beharrung, durch die das Licht eines besseren Morgen scheint. Dass sie dabei immer wieder selber scheitert und ob des Geheimnisvollen, das sie immer birgt, in kühlem Unverständnis ignoriert wird, mindert diesen Beitrag nicht. Im Gegenteil! Gerade das Scheitern in der Zeit bewahrt Kunst davor, als geronnene Idee domestiziert, banalisiert und verharmlost zu werden. Es schützt ihre Wildheit.

Kunst, nicht Kitsch und Banalität breiten den Schatz des Möglichen vor uns aus. Sie zeigt Richtungen, führt in unbekannte Landschaften. Sie lädt zum Verweilen und zum Staunen ein. Wo immer wir gehen und uns aufhalten, erinnert sie an den Zauber des Ästhetischen, der den ganzen Reigen des Gewordenen durchströmt. Sie erinnert uns an die Gnade des Schöpferischen, des Göttlichen, das sich in die Welt ergießt. Nur diese Erfahrung, dieses Spüren, dieses Berührt-Sein kann, und es wird uns retten…möglicherweise…