Welche Freiheit?

clausAllgemein

Welche „Freiheit“ meint ihr?

Und wenn, ganz so wie es aussieht, die Lebensgrundlagen auf diesem wunderbaren Planeten, irreversibel zerstört werden – selbst dann werden wir noch die Irrsinnsrufe der herrschenden Politik und Wirtschaftslobbyisten hören: Freiheit zum Produzieren, Freiheit zum Konsumieren, Freiheit ist das Fundament unseres demokratischen Selbstverständnisses. Doch von welcher „Freiheit“ wird da eigentlich gefaselt?

Die unreflektierte und durchaus fröhliche Sattheit, die im Leben keinen Prozess und kein Risiko mehr sehen mag, sondern sich nur nach Sicherheit und Bequemlichkeit streckt, koste es was es wolle, beruht auf einem sehr speziellen Freiheits- und Toleranzverständnis. Es entsolidarisiert und ist im Letzten einfach nur krank. Bricht es doch mit Verbindlichkeiten, die dem Leben dienen, und wittert es doch überall da Bedrohung, wo das Wohl des Ganzen, das Wohl des Lebensraumes Erde als unbedingt vorrangig beachtet werden möchten. Dieser selbstverschuldet blinde, ja verlogene Geist spaltet das Empfinden und das Mitgefühl, und er trennt ab vom Leben.

Doch das erste Argument, das Überlegungen entgegengehalten wird, die das Wohl des Ganzen ins Zentrum rücken, ist immer die damit verbundene Einschränkung der Freiheit. Die Industrie habe in einem freiheitlichen Rechtstaat das Recht, zu produzieren, was sie will, und der Markt regelt den Erfolg oder die Ablehnung der Produkte. Und der Bürgerkonsument hat eben das Recht, alles zu erwerben, was sein Herz – oder besser: sein Bauch – begehrt. Nur, dass dies mit wahrer Freiheit so gut wie nichts zu tun hat. Freiheit kann nur existieren, indem sie sich selber beschränkt! Darauf hat uns der Verantwortungsethiker Hans Jonas immer wieder dringlich hingewiesen, zuletzt kurz vor seinem Tod in einem SPIEGEL-Interview 1992. Freiheit erfordert Beschränkung, um sich selber zu bewahren. Sie lebt von der Spannung zwischen Möglichkeit und (Selbst)Beschränkung. Dem mögen manche noch zustimmen bzw. es zumindest nachvollziehen können. Was dabei allerdings fast immer übersehen wird, ist, dass es auch um die Freiheitsrechte des Lebens an sich, ja seine nackten Überlebensnotwendigkeiten geht, um überhaupt Freiheit haben zu können. Es kann keine Freiheit mehr geben, wenn die blinde Freiheit um jeden Preis das zerstört, was das Fundament doch auch von Freiheit ist – das Leben in Vielfalt und Unversehrtheit…..

Und damit geht es auch um die Erhaltung der Freiheitsoptionen kommender Menschheitsgenerationen und des nach uns kommenden Lebens, das sich gleichfalls entfalten möchte.

Um ein kleines, aber sich so unglaublich verbreitendes Beispiel anzusprechen: Bei der intellektuell dramatisch geminderten, aber wohl deswegen umso erfolgreicheren Parole „Freie Fahrt für freie Bürger“ muss die schlichte Frage danach erlaubt sein, was das mit Freiheit zu tun hat, wenn die Lebensgrundlagen der Kommenden zerstört werden, um die eigenen Triebe in einem emmissionsstarken und zugleich jeglicher Ästhetik Hohn sprechenden SUV auszuleben. Wir sollten für solches einen anderen Begriff finden, denn der Wert der Freiheit ist zu hoch, um ihn derart zu entstellen.