Leben ist Leiden…Ja??

clausAllgemein

Leben ist Leiden…
ja??

Dass Leben Leiden sei und das Vergehen und der Verfall tief verwurzelt im Wesen allen Seins ruhe, ist eine nur zu oft zitierte buddhistische Weisheit. Ihrer überzeitlichen Wahrheit kann man sich schwerlich entziehen. Der Blick jedoch, mit dem sie sich offenbart, ist einseitig, unzureichend und passiv. Sicher, man mag die Welt mit Augen beobachten, die vor allem den Verfall wahrnehmen, und dann wird man auch nur Verfall sehen. Wir können das Auge gezielt auf das Leiden von Mensch und Kreatur richten, dann wird es unermessliches Leiden erkennen. In allem mögen wir das Vorübergehende und sich Auflösende spüren, und dann wird sich selbst der erhabenste Moment auf seinem Gipfelpunkt bereits wieder zum Verschwindenden neigen. Glück des Moments, tiefes Glück, das sich bewahrt, auch wenn der Moment, der dir das Glück schenkte, bereits wieder vorbei ist, wirst du so nie erfahren. Vielleicht will das der Experte des Vergehens aber auch gar nicht, denn das könnte ja mit Anhaften verbunden sein.

Wir können die Welt aber auch mit Augen sehen, die in Resonanz mit dem Erhabenen und Schönen gehen, mit Augen, in denen Leben sich als eine unversiegbare Quelle darstellt, die einen unermesslichen Reichtum an Potentialen und Entwicklungschancen hervorbringt. Diese Potentiale ruhen in jedem von uns und in jedem Leben. Nehmen wir sie ernst und mindern uns nicht in der Größe, die uns beigegeben ist, dann werden wir Wundern begegnen, die wir uns nie getraut hätten auch nur zu denken. Und jedes dieser Wunder wird sich in einem besonderen Moment offenbaren, der immer über seine zeitliche Momenthaftigkeit hinausreicht. Denn er hat vielleicht die Ewigkeit berührt oder ist selber aus der Ewigkeit als Lichtstrahl getroffen worden…

Unsere Augen sind Organe von Kopf, Herz und Seele. Sie schwingen mit deren Befindlichkeiten. So ermöglichen sie immer den Zugang zu Beidem, dem Dunklen und dem Hellen und allem, was dazwischen liegt und auch dem, das weit darüber hinausreicht. Denn vergessen wir nicht: Die Seele ist ein unendliches Feld, in dem wir uns befinden…Wir befinden uns in der Seele, die Seele ist nicht etwas Eingekerkertes in uns…

„Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken;
läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Ob wir sonnenhaft sehen oder schattenhaft oder irgendwie dazwischen oder auch weit und unbestimmbar darüberhinaus – das bestimmen wir im Letzten selber…durch die Energien, die in uns leben, die wir leben lassen und denen wir Wahrnehmungsraum geben.

Immer beide polare Blickweisen im Spiel zu halten und sie als Einheit in Unterschiedlichkeit anzunehmen und zugleich immer dem Darüberhinaus, dem Transzendenten Raum zu geben – erst das wird der Wirklichkeit des Menschlichen und des Universums insgesamt gerecht, als ein InteGRAL…