sich suchen

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Sich suchen
oder
die Transzendenz in der Liebe

Aus vielen Gedichten von Rainer Maria Rilke spricht die pure Sehnsucht und der Schmerz der Nichterfüllung. Was fasziniert uns daran immer wieder, und was berührt uns auf so unvergleichliche und auch eigentümliche Weise ?

Rilke selbst war ein Mann der Sehnsucht, der tiefen, der Absolutheitssehnsucht, die alles durchdringt, eben auch die Liebe zwischen Frau und Mann. Aber er konnte sie wohl nie in der gewollten und umfassenden Intensität leben – jene Liebe zu einer Frau, die Geist, Spiritualität, Eros und Sex miteinander verbindet und zu einem Größeren verschmelzen lässt…zum Glück für uns, seine Leser/innen. Denn es ist dieses Unerfüllte, das erst Quellen in uns freizulegen vermag, an die wir sonst nie kämen!

Diese Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“…
Dieses Greifen nach dem Schlüssel eines Geheimnisses, das doch nie ganz enthüllt sein will…
Dieses Verharren im Vorraum der Erfüllung, in dem dich dann nur noch Ahnung trägt und ein letztes Vertrauen darauf, dass das Gipfelerlebnis möglicherweise darin liegt, es einmal zu erleben – dann aber zu wissen, dass es an Wert verliert, wenn du es immer wieder suchst und vielleicht sogar erlebst…
Denn dann zehrt sich das „Heilige“ durch Gewöhnung auf…

Es bedarf außerordentlicher Achtsamkeit in der Paarbeziehung, den Geschmack des Besonderen in jedem Moment, in jeder Begegnung der Augen (es gibt für mich nichts Intimeres) und in jedem Akt der Vereinigung zu spüren, zu empfinden, sich davon zutiefst berühren zu lassen. Es geht hier letztlich wohl um diese Gratwanderung zwischen dem Loslassen verflossener Erfahrungen und der immer wieder neuen Suche des Du in der Begegnung.

Wenn wir uns nicht mehr suchen oder besser: Wenn Du nicht mehr das Gefühl hast, dass ich Dich noch selbstlos suche, und ich nicht mehr das Gefühl habe, dass Du mich noch selbstlos suchst – dann sind wir als „himmlisches“ Paar tot. Denn dann suchen wir auch nicht mehr das, was ich durch Dich hindurch erkannt habe und was uns doch eigentlich erst ermöglichte…..

Die Liebe, machen wir uns da nichts vor, von der Rilke immer wieder spricht, gibt es nicht ohne Sehnsuchtsschmerz und Melancholie. Ihre Schwierigkeit besteht wohl auch darin, dass du sie nicht suchen und vor allem nicht finden kannst, wenn dir eines von Beidem fehlt:
Große seherische Klarheit, die etwas anderes ist als sentimentales Verliebt sein – und zugleich bedingungslose Hingabe, die dich aber oft einfach nur ent-täuschen kann.

Liebe in diesem Sinne braucht verdammt viel Mut! Und wenn du auf dem Boden kniest vor deinen erodierten Träumen und Sehnsüchten, dann braucht sie den Sog aus einer Welt, die dich lehrt, dass nur das Wiederaufstehen, das Durchatmen und das sich neu Anvertrauen an die kosmische Kraft des überzeitlichen Eros dich Mensch bleiben lässt….weil du dich verwundbar hältst und weil du weißt, dass es ein letztes Ankommen in diesem Leben erst im Moment des „Todes“ gibt. Bist du dann allerdings mit einem Du verschmolzen, in dem du dich genau in dieser Gewissheit immer wieder findest, dann liebst du und wirst geliebt – und durch dich und mich hindurch lieben wir beide das Dritte! Mehr geht nicht…………