sich suchen – zweiter Teil…

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Sich suchen oder die Transzendenz der Liebe –
zweiter Teil

Manche Schöpfungsmythen der Völker und Kulturen sehen drei Ausgangszustände der Menschwerdung: Einheit, Spaltung und neue Vereinigung.

In seinem „Symposion“ (Gastmahl) beschreibt Platon die Urmenschen als von kugelförmiger Gestalt mit vier Armen und vier Beinen, zwei Gesichtern und zwei Geschlechtsteilen. Kräftig und voller Macht bedrohten sie schließlich die Götter selbst. Zur Strafe durchtrennte Zeus die Geschöpfe in zwei Hälften, und jeder Teil war von nun an getrieben, sein Gegenstück zu umschlingen und neu mit ihm zu verwachsen.
Von der androgynen Gestalt, die ihr Wesen in zwei Teile zerschnitt, um der Einsamkeit zu entgehen, kündigen die Upanischaden.
Und der altpersische Mythos von den Zwillingen Mashya und Mashyoi erzählt, wie beide aufwuchsen – einem Baume gleich ineinander verflochten. In menschliche Gestalten verwandelt, suchten sich ihre Seelen, und die Körper vereinigten sich, um den Menschen hervorzubringen.

Trennung steht hiernach vor dem Beginn der Sehnsucht. Anders geworden zu sein, erschuf die Bedingung zum Einswerden. Heimweh erwächst aus der unbewussten Erinnerung an das Ideal der Ganzheit in Vollkommenheit. Unsere Seele spürt, dass ihre zweite Hälfte mit ihr und für sie geschaffen wurde. Es ruft, was einst am Anfang stand, und es führt in den Heimwehschmerz – die Nostalgie (nostos=Heimkehr; algos=Schmerz).

Sich nach dem Ganzen zu sehnen, heißt Einsamkeit zu erfahren. Erst vor dem Bild der Vereinigung und des Einsseins erkennen wir unsere Grenzen als Person. Erst die Liebe, die mehr ist als bloßer Sammlungs-, Haben- und Verschlingungstrieb konfrontiert den Menschen mit seiner Unvollkommenheit in der Getrenntheit. Das macht, so paradox es klingt, die erste Liebe auch zu etwas so Herausragendem. Ihr verdanken wir jenseits der Eltern-Kind-Beziehung die Schlüsselerfahrung wirklichen Alleinseins.

In einem Brief schrieb Rainer Maria Rilke im Jahr 1904:
„Ich glaube, daß jene Liebe so stark und mächtig in Ihrer Erinnerung bleibt, weil Sie Ihr erstes Alleinsein war und die erste innere Arbeit, die Sie an Ihrem Leben getan haben.“

Im Anblick von Frau und Mann stehen wir vor der Erscheinung des geteilten Mensch-Seins und vor der Zumutung, dass eine halbe Seele zum Leben nicht zu genügen scheint. In der sich anziehenden Polarität der Geschlechter begegnen wir der Sehnsucht nach Vervollkommnung. Wir streben nach der Erlösung, die uns vor dem Fall in die Individualität bewahren will und die zugleich den selbstzerstörerischen Überschuss an Eigenliebe absorbiert. Keine Vollkommenheit entsteht in der Isolation, kein wahres Schönes erblüht ohne Begegnung und Berührung – wie auch immer sie sich ereignen mag. Keine Erlösung aus unserer Endlichkeit und Vergänglichkeit geschieht ohne Verschmelzung. Man kann dies allein auf die Geschlechterliebe bezogen sehen, doch in deren Hintergrund öffnet sich eine kosmische Tiefe und führt das Liebessehnen letztlich in eine transzendente, zutiefst spirituelle Erfahrung. Wir überschreiten unsere Körpergrenzen und die Koordinaten des Selbst, strecken uns nach letzter Einheit im zerrissenen und auseinanderstrebenden Universum. In jeder Sehnsucht nach dem menschlichen Du, im Heimweh nach körperlicher, vor allem aber seelischer Einswerdung scheint dasselbe Heimweh durch, das sich im Blick zu den Sternen ausdrückt…