Sein-Lassen

clausAllgemein

Die Freiheit des Sein-Lassens

Dass wir zur Freiheit befreit und verurteilt zugleich sind – das lehrt nicht zuletzt der Mythos der Vertreibung aus dem Paradies. Wobei wir schon die Frage stellen sollten, was denn „Paradies“ eigentlich meint. Assoziieren wir damit Wohlfühlen, Sorgelosigkeit, gar ideales Menschsein, dann scheint das Bild trügerisch. Lieber würde ich dann davon sprechen, sich in der fürsorglichen Belagerung durch einen eifersüchtigen Gott zu befinden, der uns Entwicklung und damit das Menschwerden verweigern will. Denn Menschwerdung und in diesem Sinne irgendwann auch die Annäherung an die Ebenbildlichkeit zum Göttlichen hin, gibt es nicht ohne die Kost und Verdauung der Früchte vom Baum der Erkenntnis. So gesehen: Danke, Eva! Deine „Verführung“ hat den Weg geebnet in den Prozess der selbstbestimmten Entscheidungsfindung, die auf Erfahrung und Erkenntnis beruht.

Und so leben wir ständig und unausweichlich in Entscheidungen. Wir sind zur Entscheidung in Freiheit gleichsam Gezwungene. Es gibt kein Ausweichen. Denn auch das sich Verweigern kommt einer Entscheidung gleich.

Aber um welche Entscheidungen geht es hier und wohin richten sie sich?
Und wie weit reichen sie?

Die (scholastische) Theologie lehrt bis in unsere Tage, dass die Freiheit als Willensfreiheit uns dahin führt, etwas zu tun oder zu lassen. Das sei der Sinn aller Gebote und Verbote. Ohne freien Willen gebe es keinen Verdienst und keine Sünde, keine gerechte Strafe und keinen gerechten Lohn. Das beinhaltet also die Freiheit in Richtung sowohl auf das Gute als auch auf das Böse. Dieses – menschheitsgeschichtlich betrachtet – pubertäre Freiheitsverständnis, kann einer sich am Wendepunkt ihrer Entwicklung befindenden Menschheit nicht länger als Selbstverständnis dienen. Die Freiheit, in der wir uns als Menschen entfalten, hat nur Wert im Hinblick auf Optionen, welche die Freiheit nicht selbst gefährden oder gar aufheben durch Gefährdung der Seins-Möglichkeiten schlechthin. Freiheit also, wie das Leben überhaupt, entzieht sich jeglicher Statik. Sie darf in ihrer Ausrichtung nicht als ein einmal (von Gott) gegebener Zustand verstanden werden. Sie ist nicht, wir haben sie nicht, sie wird, will täglich neu errungen werden. Und damit wandelt sie sich, eingebunden in den Wandel und die Entwicklung unseres menschlichen Selbst. Mit unserem geistigen und ethischen Wachstum veredeln sich auch die Anforderungen an Freiheit; und es differenziert sich und veredelt sich zugleich die innere Instanz für das freiheitliche Handeln – das Gewissen. Dieses Freiheitsverständnis hält demnach bestimmte Optionen nicht mehr zur Verfügung, ja der Verzicht auf sie erst macht im eigentlichen Sinne frei.

Freiheit kann nicht wachsen, ohne dass eine Person Abhängigkeitshaltungen erkennt und überwindet. Abhängigkeitshaltungen entstehen gegenüber Dingen, Gütern, äußeren Werten und Strukturen, die gleichsam ein Eigenleben führen und „Pflege“ sowie „Zuneigung“ abfordern. In Abhängigkeitshaltungen führen Zeitgeistströmungen, Moden, öffentliche Meinungen, Moral und Gewohnheiten. Aber auch Erkenntnis-Schulen der Weisheit und des Wissens, die uns in geistigen Engführungen halten, sind dafür mitverantwortlich. Abhängigkeitshaltungen entwickeln wir schließlich gegenüber Personen. Das passiert immer dann, wenn Beziehungen, auf allen Ebenen, von Projektionen, Erwartungen, Anhaften oder Abstoßung und nicht vom sein-lassen geprägt sind. Den anderen sein-lassen allerdings kann nur der, der sich selber auch immer wieder lässt –sein-lässt, werden-lässt; der den Respekt gegenüber dem eigenen Selbst aus dem Respekt gegenüber dem anderen zieht und umgekehrt. Die Freiheit des Lassens schafft neuen Freiheitsraum. Sie lässt überlebte Optionen hinter sich und öffnet neue. Sie hält Seele und Bewusstsein, aus denen der Strom der Freiheit fließt, entwicklungs- und ganzheitsfähig.

Das Ringen des Menschen um Freiheit in Entwicklung ist das Ringen darum, sich durchlässig zu halten für das Feld einer überzeitlichen Ordnung, die jenseits menschlicher Konstruktionen und Projektionen liegt. Es ist das, was im Taoismus das TAO, der WEG genannt wird. In der darauf gerichteten Freiheit halten wir uns in Berührung mit einem fließenden und zugleich in sich ruhenden Universum.