Freiheit und Sinn

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Freiheit und Sinn

Sich als Mensch ernst zu nehmen, heißt, sich in Entwicklung und Entfaltung zu sehen, die ein Leben lang nicht enden. So Vieles aber verstellt den Zugang zu einem Sein in der entsprechenden Tiefe. Prägungen, Konditionierungen, Determiniertheiten führen uns nicht selten wie auf Schienen durch die Erdenexistenz. Sie lenken die Blickrichtung, nehmen Weite, binden Sinne und Geist. Und so hängt der Erfolg eines jeden Entwicklungsschrittes an dem Grad der Freiheit, aus der er kommt. Der Befreiung dienen alle Übungen und alle Lebenspraxis. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, über die eigenen Ausgangsbedingungen hinauszuwachsen. Erst in der Verwirklichung des Freiheitsdranges ersteht so ein Lebenssinn, der mehr ist als das bloße Hinnehmen und sich Arrangieren mit den sogenannten Verhältnissen. Er folgt der Sehnsucht nach Erlösung, die es wiederum ohne Erkennen und Verstehen nicht gibt. Inwieweit es uns gelingt, die bestehenden Evidenzen und die mit ihnen zumeist auch verbundene ideologische Macht zu durchschauen und zu überwinden, liegt an den Freiheitsräumen, die wir bereits innerhalb dieser Bedingungen zu schaffen in der Lage sind.

Mit der Freiheit halten wir das wohl kostbarste Gut der Menschheit und eines jeden einzelnen Menschen in Händen. Sie gibt ihm eine Würde, die jene dem Sein an sich immer schon verliehene noch einmal übersteigt. Denn sie führt den bewussten Geist in die Selbstbestimmung. Als Hauptdarsteller und nicht als Komparse sollen wir uns auf der Bühne des Lebens bewegen. Doch diese aus der Selbstbestimmung hin zum Größeren erwachsende Würde will stets neu errungen sein. Mit jenem billigem Behagen, das dem Anspruch entflieht, über sich hinaus zu wachsen, kann sie den Raum nicht teilen. Wir sprechen hier also von jener Freiheit und von jener Würde, die nicht libertär als Beliebigkeit missverstanden werden dürfen. Vielmehr stehen sie für eine Orientierung, die bereits einer grundlegenden Richtungsentscheidung folgt. Es ist die Entscheidung für die Liebe zum Leben und eine entsprechend dienende Existenz. Hinter diese Einsicht unseres Werdeauftrags gibt es damit kein Zurück. Und so fallen an dieser Stelle des Lebensweges Freiheit und Pflicht zusammen. Kein Widerspruch besteht nun mehr zwischen Selbstbestimmung und Hingabe.

Freiheit, die sich aus dem Drang zu höchster Verwirklichung nährt, wird immer mit Entscheidungen verbunden sein, die scheiden und schmerzen. Diese Freiheit befreit nicht von Verlust, Entbehrung und Leid. Sie fordert dem Kräftehaushalt alles ab. Viel Kraft kostet allein die Klarheit, sich dem eigenen Schicksalsweg, in den mich die Erkenntnis führte, nicht bewusst zu widersetzen. Gleichwohl gilt auch hier das Gebot der Achtsamkeit. Es lehrt, an den Weggabelungen des Lebens nicht voreilig den Ausschluss von Möglichkeiten zu wählen, sondern zunächst den Versuch ihrer Integration. Zu unbedachter Ausschluss kappt Potentialität bereits da ab, wo noch gar nicht erkannt werden konnte, welches Land hinter der Abzweigung liegt. Deshalb sind Offenheit, Experiment, Wagnis und Abenteuer der Freiheit genauso beigegeben wie die Hoffnung….jene Hoffnung, die sich als Tugend des Noch-Nicht aus dem unbedingten Vertrauen in das Leben nährt.