Kairos 2: Einbruch des Ewigen in das Zeitliche

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KAIROS 2
Einbruch des Ewigen in das Zeitliche

 

Der christliche Mystiker Meister Eckehart (1260 – 1328) spricht davon, dass Gott, wie er dich findet, „so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist.“ Denn „Gott ist ein Gott der Gegenwart.“ Hier ist nicht von Interesse, woher die Chancen des Moments kommen. Es zählt alleine, sie zu nutzen, mit aller Kraft, die im Augenblick liegt. Wir sprechen von dieser Zeitgegebenheit als Kairos.

Der Kairos tritt als Chance und Herausforderung in die Existenz, stößt an, zur rechten Zeit zu handeln. Da er nicht gemessen werden kann, bedarf seine Wahrnehmung anderer Anzeichen. Sie hängt ab von der auf das Jetzt ausgerichteten Bewusstheit, der inneren Wachheit und Achtsamkeit. Der Kairos wird durchlebt, im Kopf und in der Empfindung, im Traum und durch Intuition. Das schenkt ihm seine Einzigartigkeit. Das kleidet ihn auch mit jener Autorität, die durch keine noch so logische und rationale Argumentation zu widerlegen ist.

Kairos ruht nicht in den Gegebenheiten und der Normalität. Wie ein Meteor dringt er aus der Dimension des Ewigen in das Zeitliche ein und lehrt uns so die Verbundenheit beider. Für den Menschen, der gelernt hat, Sein als Unterwegs-Sein, als fortwährenden Aufbruch und als Ruf nach Wandlung zu verstehen und zu leben, wird die Kairos-Kraft zum verlässlichen Wegbegleiter. Entsprechend gibt das Noch-Nicht die Richtung vor.

Das rechte Handeln zur rechten Zeit geschieht aus der Reife. Oft langsam wachsend bereitet sich vor, was später seinen momenthaften Durchbruch erlebt. Und so gehört zur Bedeutung und zum Erkennen des Kairos, dass es oft zahlreiche kleine Schritte waren und sind, die sein Kommen vorbereitet bzw. seine Annahme ermöglicht haben.
Kairos-Momente sind unverfügbar. Werden sie im Falle ihres Kommens aber nicht wahrgenommen, bringt keine Zeit der Welt sie je zurück. Die unterschiedlichen Züge des Lebens halten nur kurz; und in diesem Moment musst du sie besteigen, denn sie kommen kein zweites Mal.
„Der Augenblick ist Gottes Gewand“. So formuliert Martin Buber die Berührung des Zeitlichen aus dem sogenannten Ewigen. Auf Ahnung nur erscheint Kairos, und nur in blitzschnellem Erkennen lässt er sich gewahr werden. Doch diese Berührung aus dem Raum der Transzendenz schenkt dem Augenblick ein Stück empfundener Ewigkeit. Sie schenkt erfüllte Zeit, wenn auch nicht als Zustand, so doch als Erfahrung. Flüchtig nur bist du berührt worden, aber du weißt, du hast dich nicht getäuscht. Die unablässig dahinströmende Zeit steht still. Jetzt ist der Mensch in das Verhältnis zum Göttlichen gerückt. Als Werdender und Wachsender hat er seinen Platz gefunden: Im Schnittpunkt des Kreuzes zwischen horizontal und vertikal, zwischen Hier und Jetzt und transzendenter Ausrichtung, da, wo Bedingtes und Unbedingtes sich kreuzen und verbinden.

Mit der Kraft und Zeitenfülle, die dem Kairos innewohnen, kann jedes Schicksal sich entscheiden, kann der Aufstieg aus jedem dunklen Schattenreich gelingen. Dies gilt nicht nur für jeden einzelnen Menschen, es ist die Schlüsseleinsicht auch für Gemeinschaften, Völker und Kulturen, ja das Menschsein an sich. Kairoshaft in der Zeit zu stehen, bedeutet dann aber auch, sich auf Entscheidungserfordernisse auszurichten und sich in die entsprechende Verantwortung zu begeben. Jede Zeit ruft nach Vollendung. Sie fordert Wachheit und Offenheit für die letzten Dinge, die jeden Tag neu auf uns zukommen – als jene mit einem Zauber versehenen Stunden und Sekunden. Wir sprechen vom Zauber, der das Zerbrochene überwindet, der Wunden schließt und heilt und der aus der erdrückend scheinenden Ohnmacht in die Gestaltung des Neuen führt.