Erhabenheit am Wegesrand

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Erhabenheit am Wegesrand

Der Mensch ist das Ergebnis der Verbundenheit mit dem Leben an sich in all seiner Vielfalt. Wir können ihn sehen als eine Art Essenz aus dieser unglaublichen Komplexität voller Überraschungen und voller Schönheit. Vielleicht will der Wunderregen der Schöpfung und Evolution sich ja im und durch den menschlichen Geist selbst erkennen – und zwar in der ganzen Bandbreite der Seinsmöglichkeiten und ihrer Wesenhaftigkeit. Dazu gehört dann allerdings auch, dass sich in uns eine Essenz des bewussten Bösen, das Pflanzen und Tiere nicht kennen, zeigt bzw. zeigen kann. Wenn wir einen Moment der These vertrauen, dass der Mensch ein Spiegelbild des Absoluten ist, der immanente Ausdruck des Transzendenten bzw. die zeitliche Erscheinung des Ewigen, dann ruht in unserer Gattung und im einzelnen Menschen ein gigantisches Entwicklungspotential – prinzipiell und potentiell in alle Richtungen.

Auf dieser Grundlage trägt trotz aller Verbundenheit im allgemeinen Feld des Lebens und in dem unserer Gattung im Besonderen jeder Mensch einen personalen Wesenskern mit seinen spezifischen Möglichkeiten, seinen besonderen Anforderungen und seinem je eigenen Schicksal. Entwicklung, Verwandlung und Erfahrungstiefe können unter diesen Bedingungen nur entstehen, wenn ich meinem schicksalhaften Eigensein, inklusive allen Scheiterns, aller Umstürze und Untergänge ins Gesicht sehe und die Treue halte. Ich spreche allerdings von keiner statischen, von keiner Nibelungentreue. Vielmehr schließt die Treue zu meinem So-Sein jene zur Wandlung mit ein.

Der Blick auf das Leben ist ein anderer geworden, wenn ich die Notwendigkeit zur evolutionären Veränderung auch bei mir selbst bedingungslos akzeptiert habe. Verhältnisse rücken sich dann zurecht. Alltägliche Belanglosigkeiten, Anhaftungen, Drangsale und viele vorgebliche Dringlichkeiten lösen sich zwar nicht auf, aber sie berühren nicht mehr den innersten Kern. Bei aller persönlichen Herausforderung verbindet sich deshalb der Prozess der Verwandlung vor allem mit dem Gefühl der Freude. Als tiefe Lebensfreude entsteht sie, wenn das Sein sich in der Erfüllung bewährt, die jeder Augenblick bewusster Ausrichtung auf die Möglichkeiten des Werdens enthält.

Freude ist ein Zustand, der sich nicht an alltägliche Glücksmomente, die dem Menschen zufallen, bindet. Diese sind vergänglich. Freude erschöpft sich auch nicht in Zufriedenheit, die aus bewältigten Ansprüchen anderer Menschen oder von Systemerfordernissen resultiert. In der hier gemeinten Freude spiegeln sich vielmehr Schönheit und Ästhetik des Werdens als tragende Wesensmerkmale der Schöpfung. Als Glanz der Wahrheit hat Platon die Schönheit umschrieben. Sie macht den tiefen Wesenskern des Seins aus, verweist auf das Göttliche. Wenn sie den Menschen berührt, ruft sie immer dann jene tiefe Freude hervor, wo die Augen für die Wunder des Lebens geöffnet sind. Deshalb ist es so bedeutsam, dass unabhängig davon, womit uns das Leben konfrontiert, die Wahrnehmung für das Schöne und Erhabene, das in jeder Blume am Wegesrand zum Ausdruck kommt, nicht dauerhaft getrübt wird. Geht die Lebensfreude verloren, geht auch jede Unschuld verloren und blockiert jede Entwicklung, stagniert jeder Prozess. Deshalb auch bedarf die Freude der Zuwendung und der Pflege. Es mag sein, dass das Schicksal sie gelegentlich zurückdrängt oder für eine Zeitspanne verdunkelt. Dann allerdings möchte sie wieder gesucht und freigelegt sein. Mit sich selber ernstzumachen und sich würdig zu erweisen, bewusstes und gestaltendes Leben zu sein, kann in diesem Sinne als das freudige Geschehen im Leben schlechthin gesehen werden.