Art Moriendi – Epitaph für einen Freund

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Epitaph für einen Freund

Am späten gestrigen Abend ist Werner Ratering verstorben. Er war ein außerordentlicher Mensch und ein begnadeter Künstler, Bildhauer, Maler. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er im Mitaufbau und der Mitgestaltung einer sozialen Skulptur, der Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof.

Für mich war Werner einer der Freunde, von denen du im Verlaufe des Lebens, wenn du beschenkt bist, vielleicht eine Handvoll hast. Meine Wohnung ist eine Art Galerie mit seinen Werken. So lebt er weiter. Wenn Du, der das liest, sie einmal anschauen magst, Du bist eingeladen.
Der Tod war für Werner immer ein Thema, gerade auch in seiner Kunst. Der nun folgende Text ist dazu entstanden. Ich schrieb ihn für ihn vor einigen Jahren. Das Bild zu diesem Blog zeigt einen Grabstein von Werner Ratering.

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ART   MORIENDI

Was für ein Paradoxon. Oder gerade nicht? Ausgerechnet in der schnelllebigsten Epoche der Menschheitsgeschichte findet die konsequente Verdrängung des Lebensendes statt. Die Gegenwart mit ihren Idealen der Jugend, der Leistungsfähigkeit, der Dynamik und des rapiden, bisweilen anarchistischen Wandels, missachtet, ja negiert das Sterben und den Tod; drängt beides zumindest an den äußersten Rand der Bewusstheit. Die Endlichkeit – sie hat im Fluss des Lebens und der Ereignisse und der medialen Fluchtwelten keinen Platz. Erst im Angesicht des Todes selbst setzt Besinnung ein –oft zu spät wohl für alle Beteiligten.

„Ars moriendi“ nannte und nennt man in der christlichen Spiritualität – vergleichbar der in anderen Religionen und Kulturen – die Kunst, ein Leben in der Nähe zum Tod zu führen und „Bruder Tod“ als den Zielpunkt zu sehen, in dem die zeitliche Pilgerschaft ihr Ende erreicht. Die Vorbereitung und Begleitung kranker und dem Sterben naher Menschen gehören hierzu. Die Bestattung eines Toten bringt den Prozess zum irdischen Abschluss – in der Gewissheit allerdings, dass der Tod doch nur einen Übergang darstellt in eine andere Weise des Seins.

Friedhöfe sind im Selbstverständnis unserer Kultur Orte der Begegnung nach dem Tod. Wir kennen sie als Orte der Erinnerung und des Gedenkens.
Grabsteine als Gedenksteine markieren den Ort und zentrieren die Wahrnehmung.
Doch sie sollten über das Gedenken des Toten hinausweisen – im Sinne einer Erinnerung auch an uns selbst, an unsere eigene Zukunft und das eigene Sterben. Erinnerung daran, dass alles sich jederzeit im Übergang befindet, etwas von uns jederzeit vergeht, Vergänglichkeit gar als Impuls und Motor des Lebens gesehen werden kann.

Industriell designte und gefertigte Grabsteine können das nicht leisten. Aus ihnen erwächst kein Anstoß, dem Tod das ganze Leben nahe zu sein, sich einzurichten in dem, wie Martin Heidegger sagt „Sein zum Tode“. Dorthin will Art Moriendi uns führen. Im bewussten Sein zum Tode verschmelzen in ihr Ars Moriendi und Ars Vivendi zu einer Kunst des Lebens im ganzheitlichen Sinne. Das dem Tod sich verdankende künstlerische Werk stiftet einen Prozess der Auseinandersetzung. Es stellt sich in Dienst als Vermittler zwischen Immanenz und Transzendenz. Die Kunst am Grab und die Kunst des Grabes werden zum Fokus des Gedenkens und zum Ausdruck eines überzeitlichen kosmischen Geschehens zugleich. Solche Kunst entsteht und steht in der Zeit und ist entsprechend identifizierbar; und sie weist zugleich über diese Zeit und sich selbst hinaus.

Der früher in Havixbeck und heute auf Schloss Tempelhof lebende Künstler Werner Ratering sieht sich mit seinem Projekt „Art Moriendi“ in einer Jahrtausende alten, die Kulturen übergreifenden Tradition. Die Kunst der Gestaltung des Grabes will den Anlass und Anstoß bieten zu einem Diskurs über die Kultur des Sterbens. Und dies nicht erst zur Zeit der Todesnähe, sondern im Idealfalle bereits inmitten des Lebens. Der Künstler wird Teil eines Dialoges über den Tod eines konkreten Menschen und der ihm nahestehenden Menschen noch zu Lebzeiten. So kann das aus diesem Dialog-Prozess entstehende Kunstwerk zum Ausdruck der Identität eines gestorbenen Menschen werden. Mit der Einzigartigkeit eines jeden Menschen korrespondieren der Grabstein und die Grabgestaltung insgesamt als Unikate. Das Grab in diesem Sinne ist keine austauschbare Massenware und keine identitätslose Fassade mehr. Es ist aus dem Leben zu Lebzeiten geboren und dem Leben gemäss, auf das es sich bezieht. Hier kommt durch den Tod zum Höhepunkt, was für Werner Ratering im Mittelpunkt seines Wirkens steht, nämlich dass die Frage nach dem Kern des Menschen durch die Kunst beantwortet werden muss. Nur die Kunst vermag auch das Nichtsprachliche als Manifestation zu erfassen. Sie ist es, die durch das Werk hindurch auf das Wunder verweist, das wir sind.
Claus Eurich

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