Selbstreflexion

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Selbstreflexion – das Tor zum Werden

Allein die Tiefenerkenntnis durch Selbstreflexion vermag uns mit den Bruchlinien unseres Seins zu versöhnen. Sie hebt eine in der Welt verfangene und sich selbst verstümmelnde Identität zu der Gestalt, die ihrem Wesen eigen und angemessen ist. Das Erkenne dich selbst des Orakel zu Delphi verweist als ein Königsspunkt des philosophischen Denkens auf die Schlüsselbedeutung der Selbstreflexion für das Sein des Menschen. Man wird sogar sagen können, dass sich in der Selbstreflexion, der Selbsterkenntnis und dem damit verbundenen geistigen und seelischen Wachstum der dem Menschen als Möglichkeitswesen vorgezeichnete Weg zeigt. In Erkenntnis, Wandlung und Transformation liegt der Sinn unseres Seins; Selbsterkenntnis bildet hierfür das Fundament.

Traditionelle Wissenschaft und der analytisch-rationale Geist haben ein ganzes Universum an Detail-Erkenntnissen hervorgebracht. Doch in Bezug auf den Menschen wird dieses Wissen unverstanden bleiben, solange wir uns nicht selber kennen. Ohne Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und Selbsterkenntnis bleibt jede existentielle Einsicht verstellt. Führen diese aber zu ihr, bewirken sie nicht nur Erhellung, sondern erweisen sich als die ordnende Kraft für Mensch und Menschheit. Es ist die Kraft, die alles Empfinden, Denken und Handeln, alles Sehnen und Hoffen unter das Licht letzter Bestimmtheit stellt.

Zur Selbsterkenntnis ganz wesentlich gehört die Innenschau, die auch dem Verborgendsten sich nähern will. Denn nur was Innen erkannt und integriert ist, verhindert, dass es sich aus dem Unbewussten nach Außen wendet und uns dort schicksalhaft gegenüber tritt. Es lässt sich dauerhaft keine Versöhnung und kein Frieden mit anderen Menschen, anderen Kulturen, anderen Lebensformen herstellen, wenn ich im Innen nicht von mir selbst erkannt erkannt bin und den großen Schritt zur Versöhnung mit mir selbst gewagt habe. Selbsterkenntnis heißt dann, unsere Verwundungen und Verhärtungen wahrzunehmen und sich der Einsicht zu stellen, dass nur wer seine eigenen Tiefen kennengelernt und ausgelotet hat, mit denen anderer Menschen umgehen, ja sie überhaupt erst sehen kann. In dem Erkennen und in der Annahme unserer eigenen Schatten und Unzulänglichkeiten liegt die Chance zu ihrer Integration in unser Lebens- und Seinsverständnis, ja zu ihrer Wandlung. Carl Gustav Jung: „Man wird nicht dadurch hell, dass man sich Helles vorstellt, sondern dadurch, dass man Dunkles bewusst macht.“

Schon allein durch das Beobachten und das Verstehen unserer Seelenlandschaften werden diese verändert und transformiert. Zugleich bildet Selbstreflexion auch den Ausgangspunkt jeglicher bewusster Modifizierung des Denkens und Handelns. Die Selbstbeherrschung etwa ist ein Substrat der Selbsterkenntnis. An ihr wird deutlich, wie sehr Selbsterkenntnis als Selbstentwicklung und Selbsterziehung mit Kämpfen und Ringen zu tun hat. In diesem Kampf liefert jedes, auch noch das dramatischste Ereignis seinen wichtigen Beitrag. Ein solches Verständnis hat dann also wenig mit einer postmodernen Selbstreflexion zu tun, die sich als widersprüchliches Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten missversteht. Das Synonym für Mensch heißt nicht anything goes, sondern Wandlung und Entwicklung auf dem engen, aber wunderschönen Pfad der Weisheit.