Das Ritual

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Vertrauen, Heimat, Struktur – das Ritual

Wir können ohne Rituale nicht leben. Sie geben uns Halt, Struktur, Bindung. Sie schützen in uns das Gefühl von Vertrautheit und Verlässlichkeit in einer Welt, die uns zu entgleiten droht und deren Endlichkeit uns jederzeit unmissverständlich vor Augen führt, was wir sind: Vorübergehende und Vergehende.
Gerade dem aber stellt sich das Ritual entgegen, indem es jene Wege findet, die dem Gehen Würde an die Seite stellen.

Heute war in Oldenburg die Trauerfeier für den Sohn einer guten Freundin. Schneetreiben, eine glatte Fahrbahn, sein Wagen prallt frontal gegen den einzigen Baum weit und breit. Ein junges und vitales Leben jenseits aller Sinnhaftigkeit abrupt aus dem Leben gerissen. Die Feier hatte eine große Tiefe, fasste das Unfassbare in einen würdigen Rahmen, der die zusammengekommene Gemeinschaft trug. So vermögen selbst dort noch Vertrautheit und Getragensein entstehen, wo Schock und Schrecken in unser Leben treten.

Rituale reduzieren die Vielfalt der Welt, ihre Unberechenbarkeit und Komplexität. Auch in ihrer schlichten Form machen sie das Leben oft einfacher, und sei es nur, weil man weiß, wann man einem Gegenüber die Hand schütteln muss. Sobald solche Regeln nämlich aufgeweicht sind, muss man sich ständig neu entscheiden. Rituale stabilisieren so den Alltag, zumal in einer immer komplexer und unübersichtlicher werdenden Kultur.

Das Ritual wirkt als Bindeglied zwischen Person und Gemeinschaft. Es einigt die vagabundierenden Gefühle einer Person. Zugleich bringt es das Gemeinschaftliche hervor. In dem zeremoniellen, rituell eingebetteten Ablauf, stellt der Einzelne seine Eigenheiten und sein Eigensein zurück. Er ordnet sich einer verordneten Abfolge unter und drückt damit Respekt gegenüber etwas Drittem aus.

Im Vollzug des Rituals formen sich die Personalitäten zu einem sozialen Körper. Wir erkennen an dieser Stelle die geradezu evolutionäre Bedeutung des Rituals, gerade für die auf allen Ebenen egoverlorene Kultur der Gegenwart, in der verbindliche Normen und Wertekodices mehr und mehr wegbrechen.

Rituelles Wissen wird durch das Ritual selbst ersichtlich. Die Wahrheit des Rituals ruht so in sich selbst und seinem Vollzug. Du kannst das Ritual nicht verstehen, wenn du keinen Zugang zu seiner Wahrheit und zu seiner Wirklichkeit hast. Denn das Ritual kann nur von innen her verstanden werden.

Rituale wirken über die Sinne, sie wecken Gefühle, sie gehen mit Geist und Körper in Resonanz. Beide verschmelzen im Ritual zu einer Wahrnehmungs- und Ausdruckeinheit. Musik, Berührungen, Gerüche, etwa von Weihrauch, etwas zu sich nehmen….all das wirkt stark auf die innere Wahrnehmung.

Die Wahrheit des Rituals entsteht durch das Tun, durch seinen Vollzug. Wissen wird durch Körperlichkeit gewonnen und vermittelt. Es ist handlungsorientiert. Um seine ganze Kraft zu entfalten, braucht das Ritual die körperliche Gegenwart. Der Körper ist gleichsam das Medium des Rituals. Abstrakte Inhalte und Orientierungen werden dadurch sinnlich erfahrbar, emotional spürbar und mit anderen Menschen auf dieser Ebene teilbar und fähig zum Austausch. Es geschieht damit eine Rückbindung an jene Realität, die unseren Sinnessystemen direkt zugänglich ist.

Als groß hat sich in der Geschichte immer wieder die Gefahr erwiesen, die in der Verselbständigung des Rituals liegt und in einer Gewöhnung, die zur Erschöpfung führt. Die einerseits notwendige Festschreibung und die gleichzeitige Verinnerlichung durch den Menschen kann dazu führen, dass die Form erstarrt und zugleich den Sinn deformiert und den Geist beengt. Gewöhnung stärkt, aber sie verleitet auch zur gedankenlosen Routine. Diesen Gefahren gilt es mit Achtsamkeit und Wachheit zu begegnen. Aber sie mindern nicht die grundlegende Bedeutung des Rituals. Für die Gegenwart und ihre Transformation in eine dem Leben dienende Zukunft hinein gilt dies besonders. Denn für sie benötigen wir neue Wahrnehmungsweisen und Rituale, die den Ego- und Anthropozentrismus überwinden und die uns auf eine neue Verbundenheit von Mensch, Mitwelt und göttlicher Welt verweisen. Durch ein im Erkennen und in der Abstraktion verbleibendes Bewusstsein allein werden wir die notwendigen Schritte nicht gehen können.