Schwundform des Potentiellen

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Schwundform des Potentiellen

Dass die aktuell weltweit herrschende Politik meint, in ihrer Sicht der Dinge ohne Rückbezug auf die großen Denker der Vergangenheit und Gegenwart analysieren zu können, macht die Bewältigung des Gegenwärtigen nicht leichter. Das schließt die hinlänglich bekannten Problemlösungsstrategien und das entsprechende Handeln mit ein. Philosophen, Liebhaber der Weisheit und Visionäre sind an den Verhandlungstischen der Machteliten nun wahrlich nicht willkommen. Und so werden Gegenwart und Zukunft nicht als große Menschheits-oder Gesellschaftsentwürfe erträumt, erstrebt, entworfen und mit Pioniergeist und Leidenschaft angegangen, sondern sie werden schlicht und einfach gemacht. Über Generationen gewachsene Intransparenzstrukturen schließen dabei eine wirksame Kontrolle durch die Bürger aus, vor allem was das letztendlich Ineffiziente und zugleich Zerstörerische an dieser Politik betrifft. Letztendlich vermögen wir durch Gewöhnung und die folgende geistige Erblindung gar nichts anderes mehr zu sehen, weil wir nichts anderes kennen und dann auch noch hören, dass Träume und Visionen eher Psychopathen auszeichnen als Realisten. Politik und Mainstream-Medien bilden in dieser Schwundform des Potentiellen und dem blutleeren Arrangement mit einer weitgehend entzauberten Welt eine stille Allianz.

„Alternativlos“ lautet der Kampfbegriff dieses desaströsen Herumwurstelns, begleitet durch die Diskriminierung bzw. Verhöhnung ausgesprochener Alternativen. Die kulturelle Schwächung schreitet dadurch dramatisch fort, und zu ihr gehört die Abkehr der Menschen von der „klassischen“ Politik und ihren Institutionen, ja das Umschlagen von Vorbehalten in pure Verachtung. Diese gesellschaftliche Erosion zeigt sich neben der Enthaltung bei demokratischen Prozessen wie Wahlen vor allem in Endlosschleifen politischer und sozialer Ressentiments. Sie bringen ihre eigenen Organisationsweisen, wie die Pegida-Bewegung, die AfD und die vielfältigen sogenannten populistischen Bewegungen hervor. Wo sich das Gegenwärtige nicht verbindet mit der leuchtenden Vision vom Zukünftigen, fehlt ein anziehender Identifikationsraum und wird schließlich auch das Gefühl solidarischer Verbundenheit mit dem kulturellen Ganzen geschwächt. Spiegelbildlich dazu steigt die Faszinationskraft fundamentalistischer Ideologien, vor allem dann, wenn sie mit Verve, Kompromisslosigkeit und dem gewollten Tabubruch einhergehen. Die geistige Armut von „Realpolitik“ findet auf erschreckende Weise ihre Antwort in der Arroganz und Dummheit der großen Vereinfacher.

Dieses Schauspiel der Gegenwart gilt es zunächst nüchtern zu betrachten und es als existent zu akzeptieren. Auch sollten wir die Rollen sehen und verstehen, die wir selber inmitten spielen. Es macht keinen Sinn, sich von einer Realität zu distanzieren, die nicht nur da ist, sondern deren Teil wir auch sind. Nur eine Realität, der wir uns trotz aller Grenzwertigkeit nüchtern teilhaftig fühlen, lässt ein tieferes, auch selbstreflexives Verständnis zu! Nur sie können wir von innen heraus mit gleichsam binnenvisionärer Perspektive verändern. Von einem virtuellen äußeren Fluchtpunkt aus und in bewusstseinsmäßiger Abspaltung wird das nie gelingen.