Geist und Universum

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Geist und Universum

Seit den Anfängen des Philosophierens und Theologisierens wird die Menschheit von der Frage bewegt, welcher Platz ihr denn unter dem Sternenzelt zukomme. Kreist die Sonne um die vom Menschen bewohnte Erde, ja kreist nicht alles um uns? Kann es dann anders sein, als dass Mensch und Erde das Zentrum des Universums schlechthin bilden? Bekanntermaßen hat die Antwort auf diese Frage prominente Opfer gekostet. Heute lehren uns Astronomie und Astrophysik, dass die Sonne zwar im Zentrum unseres Sonnensystems liegt, es aber keinen räumlichen Mittelpunkt des gesamten Universums gibt, allenfalls einen zeitlichen, den Urknall. Von daher macht es auch wenig Sinn, davon zu sprechen, ein Planet läge am Rande oder in der Mitte. Allerdings kann jeder Beobachter von seiner Position aus für sich in Anspruch nehmen, im Mittelpunkt des Ganzen zu stehen, ist von ihm aus doch der sichtbare und unsichtbare Horizont in jede Richtung gleich weit entfernt.

Spannender als diese im Raumzeitlichen verbleibende Frage ist allerdings jene, die nach der Bedeutung des Menschen und seines Bewusstseins in Bezug auf das Ganze fragt. Die neue Qualität, die mit dem Menschen im Reigen des Lebens auftritt, kann als Mutation in eine neue Ordnung gesehen werden. Nun breiten sich Geist und ein Erkennen aus, das sich dem Ganzen verstehend zuwendet und es geistig durchdringen will. Das Universum hat im menschlichen Nervensystem und seinen Entwicklungsmöglichkeiten seine Selbsterkenntnis und sein Selbstverständnis erschaffen. Der Mensch und seine Seele sind nun nicht mehr getrennt von Erde und Kosmos zu denken. Vielmehr sind beide, Mensch und Kosmos wesenseins. Das menschliche Bewusstsein wird zu dem des natürlichen und naturhaften Universums. Deshalb können wir womöglich sagen, dass der Kosmos im menschlichen Bewusstsein zu sich selbst kommt, sich in einem geistigen Spiegel betrachten kann. So erhält die Evolution mit dem Menschen einen fortgeschrittenen, wenn auch vermutlich noch nicht allerletzten Sinn. Das mag verdeutlichen, welch außerordentliche Stellung der Entwicklung unserer inneren Vermögen zukommt. Das betrifft den Geist, aber auch das Erfühlen und Erspüren, die empathische Wahrnehmung des Lebensstromes mit seinen unzähligen Hervorbringungen an Gestalten, Formen, Gefühlen, Sehnsüchten und Strebungen. Sie alle haben ihren auf Erkenntnis und Verfeinerung zielenden Auftrag innerhalb des Werdens und der Wandlungen des Kosmos. Wir sind eben nicht nur für uns selber da, wir erfüllen einen Dienst am Ganzen!

Dieses Ganze stellt sich unserer Wahrnehmung, unserem Erforschen und Begreifen als Einheit des Absoluten in unzähliger Vielgestalt dar. Es lebt in allem Seienden. Liebe in all ihren Erscheinungsweisen hält es zusammen und führt in seine immer neuen Formen und Gestalten, oder wie Leonardo Boff schreibt: „Es kommt also darauf an, zu erkennen, dass es in allem ein Herz gibt und dass letztlich das Herz der Welt, das Herz des Menschen und das Herz Gottes ein einziges großes Herz bilden, das im Rhythmus der Liebe und herzlichen Zuwendung schlägt.“

So lässt sich der Kosmos als eine gewaltige Bühne sehen, auf der sich der göttliche Reigen als Schauspiel in unzähligen Rollen, Kostümen, Kulissen und Verwandlungen vollzieht. Alles hat in dieser Aufführung seinen Platz und seine Bedeutung für das Gelingen. Das Niedere ist Teil des Höheren. Widersprüche und Widersachergestalten trennen nicht, verweisen vielmehr auf die große Einheit, die sich als Zusammenfall und Zusammenwirken des Unterschiedlichsten offenbart, als Coincidentia Oppositorum. Es ruht jenseits der menschlichen Klassifizierungen und damit auch jenseits von Gut und Böse. Deshalb ist nicht nur nichts und niemand auf dieser Bühne jemals vom Ganzen und von dem sogenannten Absoluten getrennt, sondern zugleich immer auch Mitwirkender. Davon spricht die Betonung der Mitgestaltungsrolle des Menschen am göttlichen Plan und am Werden des Göttlichen selbst.