Der ganze Kosmos ist unser Leib

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Der ganze Kosmos ist unser Leib

Der Gedanke einer universalen Wirklichkeit als Einheit in Unterschiedlichkeit tauchte in den großen Weisheitstraditionen der zurückliegenden Jahrtausende immer wieder auf. Exemplarisch sei das apokryphe, nicht kanonisierte, Thomas-Evangelium genannt, das auch eine schlichte und zugleich grandiose Synthese westlicher und östlicher Spiritualität darstellt. Die Überwindung aller Dualismen und dem menschlichen Geist entspringender Trennungen findet sich dort als durchgehendes Motiv.

„Jesus sprach: Wer das All erkennt und sich selbst verfehlt, verfehlt das Ganze.“ (Spruch 67)
„Jesus sprach: Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Das All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das Holz – und ich bin da. Hebt den Stein auf – und ihr werdet mich dort finden.“ (Spruch 77)
„Jesus sprach: Wenn ihr die Zwei eins macht, werdet ihr Kinder des Menschen werden …“ (Spruch 106)

Dass die ganze Erde, ja der Kosmos uns nicht gegenüber steht, sondern unser Leib ist, zeigt sich hier als tragender Gedanke. Die Grenzen der Haut ermöglichen „nach innen“ die Gestaltwerdung der Personalität. „Nach außen“ bilden sie die Membrane, die uns in Resonanz mit dem Feld des universalen Selbst hält. So wie der menschliche Geist weit über sein Gehirn hinausgeht, sich gleichsam selbst transzendiert, können wir dies auch von unserem Körper als Teil des universalen Leibes annehmen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass wir nicht nur Teil des Ganzen sind, sondern auch das Ganze in uns lebt und damit erfahren werden kann.
Dieses ineinander Verwoben-Sein tritt uns zunächst in der vertrauten Form der Begegnung zwischen Ich und Du ins Bewusstsein. Paul Watzlawick (1921 – 2007) weist darauf in seinen Anmerkungen zur zwischenmenschlichen Kommunikation mit der Feststellung hin, dass wir nicht wissen, was wir gesagt haben, bevor wir nicht die Antwort des Gegenübers gehört haben. Wir spiegeln uns in der Wahrnehmung der anderen. Erst dieser Spiegel führt uns in ein integrationsfähiges Selbstbild, das auch die immer mitschwingende Selbstfremdheit in Grenzen hält. Zugleich schenkt sie uns durch die Zustimmung anderer Menschen das nötige Vertrauen in uns selbst. In der achtsamen und offenen Begegnung entsteht das Verständnis für das Teilhaben der Person am Ganzen und entsprechend die Identifikation von diesem Ganzen her. Hier beginnen wir zu verstehen, dass nicht nur wir im anderen Menschen Resonanz erzeugen und in ihm aufgehen, sondern der Andere auch in uns – wenn wir es zulassen. Ist dies verstanden und damit die Ermöglichung, die wir erst durch den Anderen erfahren, dann kann der bewusste Schritt gegangen werden, auch meinen Beitrag zur Ermöglichung des Du zu erbringen. Dieser Beitrag wird dann wieder auf mich selbst zurückwirken. Fremdermöglichung wird Selbstverwirklichung, in der Fernstenliebe verwirklicht sich die Liebe zu mir selbst.

Für den integralen Menschen wird die Reflexion darüber, auf das menschliche Du umfassend verwiesen zu sein, zum Ausgangspunkt dafür, sich dem Leben an sich in neuer Verbundenheit zuzuwenden und es rückhaltlos anzunehmen und zu bejahen. Es steht damit der Entwicklungsschritt an, der uns zu dem grandiosen Erkennen führt, dass sich in Allem die eine Wirklichkeit „wie die Sonne in den Splittern eines zerbrochenen Spiegels“ (Teilhard de Chardin) enthüllt.

Rückhaltlose Bejahung und eine qualitativ neue Toleranz dem anderen, nichtmenschlichen Leben gegenüber verbindet sich mit tiefer Ehrfurcht vor dem Lebensprozess an sich. Sie zeigt sich in der Bereitschaft, das täglich neue Wunder des Entstehens, Werdens und Vergehens in Erkenntnis zu begleiten und ihm in Hingabe zu dienen. Sittliche Vollendung darf nicht vor der Tür des nichtmenschlichen Lebens enden.