Innerer Weg und äußeres Schicksal

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Innerer Weg und äußeres Schicksal

Keine Weltverbesserung erwächst ohne Selbstverbesserung. Jean Gebser spricht diesbezüglich von einer „… Voraus­nahme jener Schmerzen und Qualen, die, nehmen wir sie nicht freiwillig voraus, uns in dem sonst notwendigen Zusammenbruch persönlichen und universellen Charakters auferlegt würden. Wer sich … seinem Auftrag, der ein geistiges Ansinnen ist, entzieht, handelt gegen den Ursprung. Wer gegen ihn handelt, hat keine Gegenwart, heute so wenig wie morgen … Ein jeder ist frei es zu leisten. Wer diese Freiheit verspielt, verspielt sein Leben und seinen Tod.“

Auch wenn es immer Menschen gibt, die ein Voraus an Einsicht, Willen und Erfahrung haben und von denen wir lernen können – finden und gehen muss jeder seinen eigenen Weg. Nahezu alles an Potentialität ruht in unserer Gattung und in jeder Person. Wir brauchen unsere Grenzen also nicht zu eng zu ziehen. Gleichwohl entstehen die neuen Wirklichkeiten immer nur dadurch, dass wir sie als Personen schaffen. Und mit den Wirklichkeiten eröffnen sich wiederum neue Potentiale. Das Ringen, das jene Lebenshaltung des Werdens trägt, erkennt sich als Ringen darum, nicht nur Mensch zu bleiben im Angesicht der Entzweiung des Lebens. Vor allem stehen wir in der Herausforderung, über die Einsicht in die eigenen Schwächen, die eigenen inneren Widersprüche und Gegensätze hinaus fortwährend neu Mensch zu werden. Das Leben wird dadurch zu einem schöpferischen Akt, zu einer dynamischen Skulptur. Deren äußere Erscheinung wandelt sich, während das Innere und Seelische sich reinigt und klärt. Versäumen wir diese innere Klärung und Reinigung, so werden uns, darauf hat C.G. Jung eindringlich hingewiesen, die nicht bewussten inneren Tatbestände weiterhin als äußeres Schicksal gegenübertreten. Denn einem Grundgesetz des menschlichen Seins können wir nicht entrinnen, nämlich dass alles, was uns geschieht, immer auch ein Echo dessen ist, was und wie wir selber waren und sind.

Es wird nicht verwundern, dass die Arbeit an der fortwährenden Menschwerdung und die damit verbundenen Gewinne für Person und Gattung viel damit zu tun haben, frei zu geben, loszulassen und zu überwinden. Größeres ist ohne Preisgabe des Gewohnten und Bindenden nicht zu erlangen. Das Ich steht nun auf dem Prüfstand, und das in sehr grundsätzlicher Weise. Denn das Ich, das als Ego verstrickt im selbstbezogenen Kampf lebt, kann nie zum Ganzen führen. Es gibt sich mit dem ihm Vertrauten zufrieden. Es pflegt die Täuschung, schon das höchste Gut erreicht zu haben. Es leugnet vor sich, dass einer neuen Geburt das Sterben des Alten und damit verbundene Trauerprozesse vorausgehen.

Der Abschied von der egohaften Ich-Bindung sieht sich begleitet von Verlustangst, konkreten Verlusterfahrungen und der Empfindung von Verlassenheit im alten Leben. Das gefestigt scheinende Identitätsgefühl zerbricht. Überall spüren wir frische Wunden. Doch dieser Gang durch das, was Mystiker verschiedener Traditionen als die dunkle Nacht der Sinne und des Geistes bezeugen, ist, auch wenn jeder Mensch ihn anders erlebt, unausweichbar. Er will durchlebt sein, so wie die Freude, die wartet und wie die Rückschläge, die auch dem Erwachen wiederum folgen. Denn die Differenz zwischen der inneren geistigen Erfahrung und dem Herzgefühl auf der einen Seite sowie der nachhinkenden Verwirklichung in Haltung, Verhalten und Tun auf der anderen Seite – nie löst sie sich vollständig auf. In unserer irdischen Endlichkeit bleiben wir un­vollend­bar. Fehler und Irrtümer gehören zum Prozess. Sie sind die natürliche Kehrseite des Vollkommenheitsbildes und zugleich Zeichen für notwendige Korrekturen.