Ich nehme Deinen Vorwurf hin

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Ich nehme Deinen Vorwurf hin

Die im Alltag von uns in der Kommunikation geforderte Haltung des Nichtverletzens gerät schnell auf den Prüfstand, wenn wir angegriffen und mit Vorwürfen oder Verleumdungen konfrontiert werden. Im Selbstwertgefühl getroffen, folgt unsere Reaktion normalerweise unmittelbar. Und sie wird möglicherweise vergleichbar scharf sein, wie der Angriff, dem wir uns ausgesetzt sahen. Manchmal mag dies verständlich, ja vielleicht sogar unvermeidbar sein, wenn es darum geht, etwas klarzustellen oder einen Irrtum aufzuklären. Doch oft ist es gerade unsere Reaktion auf einen Angriff, die erst das Feuer des Streits entfacht, dem sich dann leicht Gewalt in Sprache und möglicherweise dem Verhalten insgesamt beimengt. Im Zweifelsfall bewährt sich verständnisvolle und nichtverletzende Kommunikation dann durch Hinnahme und Ertragen. „Nimm Schande mit Ehrfurcht hin“, ermahnt das Tao Te King (Spruch 13). Und über die Anklagen gegenüber Jesus vor dem Hohen Rat und vor Pilatus schreibt der Evangelist Markus:

„Viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein … Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts.“( Markus 14, 57–61) „Und die Hohepriester beschuldigten ihn hart. Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, so dass sich Pilatus verwunderte.“( Markus 15, 3–5)

Fjodor M. Dostojewski (1821–1881) greift in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“ dieses Motiv neu auf. Im sechzehnten Jahrhundert lässt er den wiedergekehrten Jesus dem greisen Kardinal – Großinquisitor gegenüberstehen. Der hält ihm in einem atemberaubenden Monolog sein Evangelium, sein Wort und sein Tun als der menschlichen Natur nicht angemessene, ja verheerend wirkende Irrlehre vor.

„Als der Inquisitor geendet hatte, wartete er eine Weile, was sein Gefangener ihm antworten werde. Dessen Schweigen lastete auf ihm. Der Gefangene hatte ihn die ganze Zeit über angehört, durchdringend und still ihm gerade in die Augen schauend und offenbar ohne jedes Verlangen, irgendetwas zu entgegnen. Der Greis aber hätte gewünscht, er möchte ihm etwas sagen, sei es auch etwas Bitteres, etwas Furchtbares. Er aber näherte sich plötzlich dem Greis und küsste ihn schweigend auf die blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist die ganze Antwort. Der Greis erzittert.“

Die Haltung des Nazareners entspringt dem tiefen Wissen darum, dass gegen Missgunst, Neid und das gezielte Verletzen normalerweise kein Argumentieren hilft. Zudem lebt er in der Gewissheit, dass das Urteil über ihn so oder so bereits gefällt ist. Und so nimmt er hin, erträgt und bekundet seine Antwort in einem Schweigen, das durch die Kraft, die hinter ihm steht, äußerst beredt wirken muss. Das Gegenüber wird durch diesen konsequenten Akt, den vorprogrammierten Verlauf des Tribunals zu durchbrechen, auf sich selbst zurück geworfen. Jesus lässt es mit sich allein und versagt ihm die erhoffte Gelegenheit, sich an den verbalen Reaktionen weiter abarbeiten zu können. Die Ankläger müssen in ihrer Erregung bei sich selber und bei den eigenen Aussagen verbleiben. In diesem Falle lehrt die Geschichte, dass sie die damit verbundene Chance nicht nutzten, sich mit dem, was sie sagten und mit den dahinter stehenden Gründen und Gefühlen wahrhaft auseinanderzusetzen. Genau das aber mag in der alltäglichen Kommunikation ein heilender Effekt des Aushaltens von Vorwürfen sein, nämlich durch sich selbst zu lernen, ohne belehrt zu werden. Selbstredend gilt dies in gleichem Maße für den, der zunächst nicht mit gleicher Münze auf den erhobenen Vorwurf reagiert. Auch er muss nun erst einmal bei sich selbst verbleiben. So erhält er die Gelegenheit, das ihm Vorgehaltene zu prüfen, einzutauchen in die Tiefen, aus denen der Vorwurf, der ihn traf, erstand und sich damit in Abstand auseinanderzusetzen. Es liegt aber auch in der Verantwortung desjenigen, der eine solche Haltung aufbringt, es nicht bei der nackten Hinnahme zu belassen. Vielmehr ist er gefordert, an dieser Stelle weiterzugehen und aus dem ruhigeren Fahrwasser und aus der begonnenen Reflexion, die sein Verhalten zunächst ermöglichten, nun erst das Gespräch im eigentlichen Sinne zu beginnen. Das Aushalten und das Ertragen eröffnen einen Prozess, sie beenden ihn nicht! Um jedoch einem Missverständnis vorzubeugen: Aushalten und Ertragen meint nicht, keinerlei Reaktion zu zeigen und damit das Gegenüber gleichsam zu negieren! Vielmehr bedarf das Nicht-Reagieren auf Form und Inhalt des Vorwurfs der Erläuterung, damit es nicht als Verweigerung von Kommunikation missverstanden wird.

Solchermaßen mit Vorwürfen und Anfeindungen umzugehen, erscheint in einer auf Auseinandersetzung, Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit beruhenden Gesellschaft zunächst leicht als paradox und schräg, wenn nicht gar als Zumutung. Und es ist eine Zumutung…Ich mute Dir und mir eine Menge zu! Neben seiner deeskalierenden Qualität trägt es jedoch Potenzen der Erkenntnis und damit der Heilung in sich, die anders kaum freizusetzen sind.