Den Widerspruch aushalten

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Den Widerspruch aushalten…

Der Widerspruch bewegt die geistige und kulturelle Evolution. Das, was wir Wirklichkeit nennen, stellt sich in der Folge als unsicher, nicht eindeutig und unberechenbar dar.
Täglich machen wir Menschen die Erfahrung, dass es so gut wie keine Aussage und keinen Satz gibt, die nicht ihr Gegenteil, ihren Widerspruch in sich tragen. Wenn wir nach Wahrheit streben, kann dies deshalb nichts anderes meinen als zu lernen, Widersprüche als Teil und aufgehoben in einer Wirklichkeit zu sehen, die größer ist als die unserer eigenen Weltbildkonstruktion. Voreiliges Streben nach Eindeutigkeit führt uns demgegenüber zu Vereinfachungen, Blindheiten und schablonenhaftem Denken. Was, zum Beispiel, wäre das für eine Erziehung, Kinder und junge Menschen, die nach Antworten suchen, aus Bequemlichkeit oder fehlender Selbstreflexion sofort mit sogenannten Gewissheiten zu konfrontieren. Wirkliche Suche nach Antworten – das heißt auch zu lernen, Dinge in der Schwebe zu halten und genau darin ein hohes Gut zu sehen. Denn so bleibt die Vielfalt im Spiel und damit etwas, das den Reichtum des Lebens und der Kultur ausmacht.

Widerspruchstoleranz hält somit aus. Sie erträgt das, was sich Eindeutigkeiten entgegenstellt, und sie nimmt die damit möglicherweise verbundenen Irritationen oder Schmerzen hin. Ich respektiere im Gespräch mit anderen Menschen, dass es hinsichtlich derselben Frage oft unvereinbare und doch jeweils in sich stimmige „Wahrheiten“ geben kann. Was für die Glaubenssysteme von Religionen oder die Programme von Parteien bzw. weltanschaulicher Organisationen weitgehend selbstverständlich und anerkannt scheint, stellt sich auf der Beziehungsebene von Menschen aber oft umso schwieriger, ja nicht selten dramatisch dar. Doch gerade dann sollten wir sehen, dass in der Widerspruchstoleranz mehr liegt als ein lediglich passives Tolerieren. Nicht zu schnell Klarheiten zu behaupten, darf selbstredend der aktiven Auseinandersetzung mit Unterschieden und Differenzen nicht entgegenstehen. Im Gegenteil! Entscheidend ist die Weise des Ringens und des Klärens und damit verbunden die Bereitschaft aller Beteiligten, ihre Standpunkte zu riskieren. Wir sprechen hier von einer Selbstsicherheit, die sich im Loslassen findet und bestätigt. Sie sieht sich getragen in einem nie endenden Lern- und Erneuerungsprozess.