Jede(n) lieben?

clausAllgemein

Jede(n) lieben?

Das ist ein schöner Anspruch, aber noch viel mehr eine große Illusion. Dazu sind unsere empathischen Fähigkeiten zumeist zu sehr auf uns selbst und die uns emotional nahen Menschen gerichtet und beschränkt. Unsere Liebesfähigkeit auf dem gegenwärtigen evolutionären Niveau ist normalerweise an die direkte Begegnung gebunden und hat dann viel mit Sympathie und Antipathie, mit kulturellen Faktoren, Sozialisation und Resonanzphänomenen zu tun. Deswegen endet sie ja auch zumeist am Ende unserer sozialen und psychischen Identitäts- und Grenzräume. Und das beengt die universale Kraft der Liebe ja oft so geradezu grotesk, wenn sie der Bequemlichkeit und den Gewohnheiten in die Quere kommt. Wir geben vor, unsere Kinder und Enkel zu lieben und rauben ihnen zugleich durch unsere Art zu leben jegliche Zukunftsperspektiven. Wir geben vor, die Natur zu lieben und zerstören sie im selben Moment durch unseren gewollten Konsum. Wir hören das: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, geben vor, im Namen des Propheten Jesus unterwegs zu sein und gestalten im Großen wie im Kleinen das soziale Miteinander als Abgrenzung.

Liebe ist zu groß, als dass sie sich innerhalb unserer Begrenztheit jederzeit auf jeden und alles beziehen könnte. Denn lieben heißt ja eben, nicht nur eine Notwendigkeit zu verstehen, sondern im Herzen, in der Seele, im Empfinden und im Geist ergriffen zu sein von der Erhabenheit des Lebens. Dies gelang und gelingt immer wieder einigen Menschen. Sie dienen uns als Vorbilder, und wir nennen sie Heilige.

Ich bin auch der Ansicht, dass wir nicht jeden Menschen lieben müssen. Dazu gibt es einfach zu viel lebensverachtendes Denken und Handeln in menschlicher Gestalt – und zwar bewusst und gewollt. Und Liebe zu heucheln, empfinde ich als noch verachtenswerter als Menschen abzulehnen und dies auch zu bekennen. Denn im Bekenntnis eröffnen sich Räume zur Auseinandersetzung und zur Klärung. Dann können wir dazulernen, vielleicht auch die Ablehnung eines anderen als in mir selber begründet erkennen und sie transformieren. Und so kann am Ende eines solchen Prozesses vielleicht sogar Verständnis stehen. Und das ist viel!

Ich kann nicht alle Menschen lieben. Ich möchte auch nicht alle Menschen lieben. Und schon gar nicht will ich sie lieben müssen. Aber ich möchte da, wo die Liebe nicht hinreichend ist, wenigstens mit ihnen auskommen. Ich möchte ihnen in nichtverletzender Haltung gegenübertreten, mit dem, was wir Anstand nennen und ohne die Selbstachtung in der Weise der Begegnung zu schwächen. Und ich möchte hilfsbereit sein, wo anderes Leben, nicht nur das menschliche, der Unterstützung bedarf, um mit seiner Existenz klarzukommen. Ich möchte also versuchen, wenigstens den Vorraum der Liebe zu betreten…