Du musst es wagen…

clausAllgemein

Du musst es wagen…

Wohl kein bewusster und das Leben bejahender Mensch liebt die Ohnmacht oder sucht das existentielle Scheitern. Beides tritt auf uns zu, ohne dass wir das wollen. Gelegentlich führen und warnen uns allerdings Vorahnungen, ja eine untrügliche innere Gewissheit. Sie stellen das Scheitern in einen größeren biographischen, schicksalshaften Kontext. Dieser, sowie die Signatur des Scheiterns selbst, lassen sich jedoch mit dem Code des vernunftbegabten Geistes und der sogenannten Rationalität allein nicht dechiffrieren. Immer bleibt ein unverfügbarer Rest, der sich unserem Verständnis oft erst in späteren Lebensphasen öffnet. Allerdings setzt auch dieses Verstehen voraus, dass das, was wir Scheitern nennen, bewusst und gewollt in unser Wachsen und Werden integriert wurde. Es als mir nicht zugehörig abzuspalten, hält im Nichterkennen und im Unverständnis. Integrierst du es jedoch, mag sich das, was dir zunächst als ein Desaster gegenübertrat, zur rechten Zeit als Teil deines Heilsweges offenbaren.

Auch wenn wir das Scheitern nicht suchen, so müssen wir es doch riskieren, wenn die Möglichkeiten des jetzigen Lebens an unsere Grenzen stoßen. Sich vorzeitig ängstlich und zagend zu ergeben, hält die Türen eines sich im Fluss und der Ermöglichung bewegenden Lebens verschlossen. Neues kann oft nur da entstehen, wo das alte zerbricht und vertraute Wege als nicht mehr gangbar bzw. hinreichend verlassen werden. Nur dann besteht eine Chance, dass die sich in jedem von uns verbergenden existentiellen und überzeitlichen Wahrheiten ans Licht gelangen.

Ein solcher Schritt über das Gewohnte und scheinbare Sicherheit bietende hinaus, erfordert Mut und Vertrauen in den Prozess des Lebens. Dies gilt vor allem, wenn wir uns alleine und verlassen und von Gottesfinsternis umgeben wahrnehmen. Denn dann ist die Versuchung groß, Kompromisse an dem notwendigen Absterben des Überlebten vorbei zu suchen und sich der Neugeburt zu verweigern. Nur im Entstehen und Wachsen aus den zerbrochenen Hüllen des Alten überschreitet ein Mensch für Augenblicke seine Endlichkeit. Er hält den Zauber am Leben, der im sich Ergeben ganz verflöge. Er stellt sich seiner wahren Sehnsuchtstiefe, die doch immer schon Ewigkeit im Hier und Jetzt sucht und damit das gegebene Leben auch einbeziehen muss.

Und so stehst du am Rande dessen, was dir wie ein Abgrund vorkommt und weißt doch, dass du den nächsten Schritt gehen musst. Vielleicht erinnerst du dich dann an eine Gedichtzeile von Hilde Domin:

„Ich setzte den Fuß in die Luft, und siehe, sie trug…“

Die Alten sagten, Leben sei beginnendes Sterben. Aus der Integration des Scheiterns in die Dynamik der Ermöglichung lässt sich nun sagen: Leben ist beginnendes Leben. Leben heißt anfangen und nicht enden…