In Würde (unter)gehen

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In Würde (unter)gehen

Die Menschheit hat sich die Natur als Konsumware einverleibt. Fast ausschließlich ist sie nur noch Mittel für Zwecke des Menschen. Ihr Eigensein, die in jedem Lebewesen an sich ruhende unantastbare Würde, haben wir ihr brutal entrissen. Mittlerweile wissen wir, dass der Mensch sich damit selbst die Lebensgrundlage entzogen hat. Mehr als einige Jahrzehnte bleiben uns als Gattung in der gegenwärtigen Form und Lebensweise und in der gegenwärtigen Masse nicht mehr auf diesem Planeten. Das bezeugen alle ungeschönten Daten, Prognosen und alle Wahrscheinlichkeiten. Gleichwohl strahlt Mutter Erde noch immer eine so einzigartige Schönheit aus.

Trotz aller Unausweichlichkeit des selbstverschuldeten Desasters, incl. unseres evolutionären Verschwindens, sollte uns gerade diese verbliebene Erhabenheit und Schönheit eine dringliche Mahnung, ja ein unüberhörbarer Aufschrei sein, selber in Erhabenheit und Schönheit zu gehen. Zumindest für die nach uns kommenden gilt es den Weg zu bereiten für eine Kultur der Versöhnung mit dem Leben an sich.

Dafür ist eine innere Haltung unverzichtbar, die alles Leben als heilig anerkennt, auch das, was uns zunächst vom Menschenstandpunkt aus als niedriger erscheinen mag. Schädigung von Leben kann danach nur gebilligt werden, wenn es als Opfer dem Erhalt anderen Lebens dient – eine Entscheidung, die niemals aus Gedankenlosigkeit, sondern in hoher Verantwortlichkeit und nur von Fall zu Fall zu treffen ist. Dies lehrt uns die Botschaft der Lebensethik Albert Schweitzers.

So entfremdet von den naturhaften Lebensprozessen, wie die gegenwärtige Kultur blind vor sich hin lebt, wird zunächst eine Transzendierung des Gewissens nötig sein und damit eine neue Empfindsamkeit, die das Lebensschädigende in den alltäglichen indirekten Handlungen zu erkennen vermag. Das beginnt beim Gang zur Fleischtheke und dem Verbrauch von Gütern, für deren Herstellung anderes Leben leiden musste. Es führt über alle Formen des Verhaltens und Verbrauchs, die Leben gefährden und vernutzen. Es endet bei der maßlosen Vermehrung und Ausdehnung des Menschen auf diesem Planeten und der damit verbundenen Vernichtung von Lebensraum für nichtmenschliches Leben.

In einer entsprechend ausgerichteten ethischen Tat erst wird die „Ehrfurcht vor dem Leben“ substantiell. Das Handeln aus Liebe führt in die wahre und tiefe Verbundenheit, von der ein bloß inneres Empfinden nur unzureichend Kunde geben kann. Doch auch an dieser Stelle sollte im Blick bleiben, dass wir den Schatten der Selbstentzweiung des Lebens, von der Schweitzer spricht, auch durch ein noch so bewusstes Handeln nie ganz werden entrinnen können. Und so werden ethischer Anspruch und ethische Praxis keine letzte sittliche Formvollendung erfahren. Es bleibt ein evolutionäres Ringen. Dieses Ringen zu erkennen, es selbstbestimmt zu suchen und selbstgewiss im Prozess zu halten, wissend, dass die Verantwortung, die ich trage, im Letzten auf das Ganze gerichtet ist – schon dies gibt Hinweis von den wahren und schönen Möglichkeiten des zukünftigen Menschen.

Die Suche nach der Tugend um des anderen Lebens und der Veredlung des Ganzen willen, und nicht bloß den des eigenen Seelenheils, bezeugt zweifellos eine außerordentliche Aufrichtung des Menschen. Zugleich weist sie über ihn hinaus, ist der Mensch als Teil des Ganzen doch immer auch Natur und von ihr nicht fremd zu denken. Insofern mag sich in diesem kommenden Streben des Menschen Natur selbst auf ihrer Reise zur Vollendung ausdrücken. Doch diese Einsicht entbehrt zunächst nicht einer gewissen Ambivalenz. Man könnte in ihr die fortgesetzte und gleichzeitig neuerliche Vereinnahmung der Natur durch den Menschen sehen, nun verbunden mit dem Versuch, sie wiederum in unsere Zielbestimmung einzubinden. Diese Ambivalenz lässt sich nur auflösen, wenn wir die existentielle Trennung von Mensch und Natur in unserem Bewusstsein und unserer Empfindung auflösen. Die „erhabene Gleichgültigkeit“, die nach Rainer Maria Rilke die Beziehung der Natur zum Menschen charakterisiert, ist dann eine Form von zweckfreier Schönheit, derer wir selbst zugehören. Wir leben in und mit ihr, ja wir sind sie in gewissem Maße. Aus dieser Wahrnehmung des Naturhaften als Teil von mir kann und wird sich dann die Empfindung erheben, in der Menschen fühlen, dass alles, was sie der Natur antun, sie sich selbst antun. So mag sich mehr Umsicht, Vorsicht und Rücksicht in uns ausbreiten, so vor allem wächst die Selbstliebe zu einer universalen Liebe. Das jesuanische Gebot, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst, erhält damit eine uns selbst transzendierende Bedeutung. Sie wird zur Signatur des neuen Menschen, der Kommenden nach uns.