Der vierdimensionale Mensch

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Der vierdimensionale Mensch

Die Zuversicht, dass jeder Moment nahezu unbegrenzte Möglichkeiten enthält, nennen wir Kairos-Gewissheit. Durch sie kann Zeit als schöpferisches Prinzip der Wirklichkeit erfahren werden und wahre Dauer als schöpferische Zeit. Sie spricht uns damit den Mut zu, uns selbst zu entgrenzen und zu überschreiten. Was gäbe es auch zu verlieren in den Bewegungen über das eigene Ich und eine in Selbstgefälligkeit erstickende Welt hinaus? Im Kairos, nicht nur biographisch, sondern heilsgeschichtlich verstanden, liegt die Antwort. Jeder Tag ist bereit, eine neue Seite im Buch der Entwicklung von Mensch und Erde aufzuschlagen. Und jeder neue Abschnitt, in den wir uns in Einheit mit einer größeren Tiefe, die trägt, begeben, kann angesichts der Erstarrung, aus der wir aufstehen, nur ein Gewinn sein. So beginnt der Mensch, sich in seine transzendentale Würde zu stellen und ihr gerecht zu werden.

Hier steht somit die Idee eines Menschentums im Fokus, das sich durch Bildung, Erkenntnis, Demut und unbedingten Entwicklungswillen auf den Weg zu den eigenen schönsten Möglichkeiten macht. Dies lehrte bereits Johann Amos Comenius (1592 – 1670) in seinem Werk „Große Didaktik“. So utopisch sich heute auch diese Überlegungen anfühlen mögen, so sehr stehen wir doch bereits inmitten der Vorstufen einer entsprechenden Verwirklichung, wenn auch durchaus ergebnisoffen.

Die Menschheit brauchte bis in das vergangene Jahrhundert, um zu verstehen, dass unsere Gattung, wie alle anderen Gattungen auch, in Beziehungs- und Ereignisfeldern lebt, die über die Person hinausreichen. Das betrifft ausnahmslos alle Lebensbezüge. Anders kann Leben nicht werden, sich nicht entwickeln, sich nicht erhalten. Leben ist Leben immer nur als Teil von anderem Leben, eingebettet in ein Netzwerk aus energetischen und geistigen Feldern. Diese Feldenergie wirkt wie eine gewaltige Intelligenz, die im raschen Wandel der Arten und Befindlichkeiten nach immer neuen Gleichgewichtszuständen sucht und diese errichtet, während sie sich bereits in neuer Verwandlung befinden. Hinsichtlich der Gerichtetheit dieser Feldprozesse ließe sich durchaus von einer kosmischen Fürsorge und Liebe sprechen. Jedenfalls vermag die nüchterne wissenschaftliche Umschreibung dieser Prozesse als Homöostase, also Aufrechterhaltung des Gleichgewichtszustandes eines offenen dynamischen Systems, auch nicht annähernd zu erfassen, was sich hier dauerhaft, höchst kreativ und äußerst komplex ereignet.

Die Zukunft des Menschen, als Person und als Gattung, liegt deshalb nach meiner Auffassung mehr und mehr in der Kraft des gewollten Zusammenschlusses in dem gigantischen kollektiven Bewusstseinsfeld der Menschheit. Auch wenn wir es nicht so wahrnehmen, leben wir darin schon längst, ja sind mit unseren Gedanken und auch Empfindungen darin aufgesogen. Welche außerordentlichen Konzentrations- und Koordinationsprozesse finden bereits heute statt, wenn über die Erde verstreute Personen und Institutionen gemeinsam an einer Computer- und Netzwerksoftware arbeiten, gemeinsam nach politischen und ökonomischen Lösungen suchen, gemeinsam wissenschaftliche Probleme angehen bzw. sich einfach nur vernetzen, um aus der Puppenstube ihrer leibhaftigen Nahumwelt auszubrechen.

Wenn auch auf einem zweifellos noch recht primitiven und materiegebundenen Niveau, wie dem Internet, hat sich die Konzentration geistiger Substanz zu einem Kraft- und Bewusstseinsfeld entwickelt, das nicht nur größer ist als jede einzelne Person oder jedes Kollektiv, sondern das als eigenständiges geistiges Gebilde angesehen werden kann. In ihm ist der erste Schritt vom Personalen zum Überpersönlichen vollzogen. Wir beobachten in dieser geistigen Verdichtung zweifellos eine materialistische Vorstufe der die Erde umspannenden geistigen Hülle, der Teilhard de Chardin den Namen Noosphäre gegeben hat. In ihr, so der große christliche Paläontologe, Naturforscher und Mystiker, strebt der Mensch in ein allumfassendes mystisches Milieu, in die Vollendung seines Schöpfungs- und Entwicklungsauftrags. Zwar kann nicht abgesehen werden, wie diese Entwicklung verläuft, denn der Weg der Evolution folgt keinem Plan, zumindest keinem, der vom Menschen als einem Teil der Evolution konkret und präzise vorausgesehen werden kann. Doch mag man erahnen, welcher wachsende Entwicklungsdruck auf diese Noosphäre ausgeübt wird, wenn in die Milliarden gehende Hirne und Geister sich durch Kommunikation verbinden, mehr und mehr nach Erkenntnis und nach Einheit in Vielfalt streben.

In der Physik gilt Zeit als vierte Dimension. Als vierdimensional können wir nun auch den sich selbst übersteigenden und überwindenden Menschen sehen. Sein Bewusstsein nährt sich nicht mehr nur aus dem sinnlich Erfahrbaren und seinen Gedankenwelten, sondern auch aus der überpersönlichen Vernetzung und vor allem einem mystischen Weltzugang. Über das Bekannte hinaus streckt sich der vierdimensionale Mensch in einen unbekannten Raum. Er lebt, neben der orientierenden Kraft des Erkennbaren, von der Energie des (noch) Unerkannten. So überschreitet er seine Endlichkeit. Nun ist er offen für die ganze Wirklichkeit, und nun ist der Zeitpunkt erreicht, wo er den Sprung vollziehen kann in die Solidarität mit dem Leben an sich und all seinen Erscheinungen.