Richtungswandel – ein Gastbeitrag

clausAllgemein

Grundlegender Richtungswandel –
Ein Gastbeitrag von Achim Weimer

International gilt Deutschland noch immer als Vorbild für Nachhaltigkeit und einen ökologischen Umbau der Wirtschaft. Aber sind die entsprechenden grundlegenden Werte wirklich im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen? Wir haben den gelben Sack und sind trotzdem bzw. vielleicht auch gerade dadurch Verpackungsweltmeister geworden. Wir roden Wälder und betonieren Fläche zu, um Industrieanlagen und Kraftwerke dorthin zu stellen, die wiederum Strom für einen weiterhin ungehemmten Verbrauch in Stadt und Land produzieren. SUVs sind Verkaufsschlager, ein Tempolimit wird nicht einmal diskutiert. Unsere Ökobilanz ermogeln wir uns damit, dass wir in fernöstlichen Ländern produzieren lassen. Der Flugverkehr wächst ungebremst. Die allgemeine Vermüllung nimmt zu. Unsere Jugend wälzt auf Flugreisen in 10.000 Metern Höhe nachhaltige Gedanken. Deutschland ist Pornoweltmeister und in Biomärkten gibt es Wein aus Südafrika. Worin sind wir eigentlich Vorbild?

Zugleich steht die Diskussion um den demographischen Wandel – Stichwort „Überalterung“ – auf dem Kopf.

Wenn wir die bevorstehende Alterung unserer Gesellschaft als positive Herausforderung begreifen könnten, als natürliche Phase der Gesellschaftsentwicklung wie es zuvor der Babyboom war und zugleich als Herausforderung, die wir aus eigenen Kräften zu bestehen haben: Dann könnten wir uns auf eine gesunde Weise dazu zwingen, vom selbstzerstörerischen Wachstums-, Konsum- und Egoismus-Wahn Abschied zu nehmen.

Hat der Gedanke, Arbeitskräfte in Massen zu „importieren“, um mit Gewalt Exportweltmeister zu bleiben, nicht auch etwas Dekadentes? So fehlen aufgrund unserer Konsumbedürfnisse die Menschen aus anderen Ländern eben dort, wo sie zunächst benötigt würden – für den Aufbau einer eigenen gesunden Wirtschaft, für den Wiederaufbau nach Zerstörung durch Krieg und Katastrophen. Und ist es gleichzeitig nicht absurd, dass wir Arbeitskräftemangel beklagen und gleichzeitig Arbeitsplätze um fast jeden Preis schaffen? Anstatt nur so viel zu tun, wie wir aus unseren eigenen Kräften vermögen…

Wir nehmen damit immer zugleich Wachstum – der Städte, der Zersiedelung, der Produktion, des Konsums usw. – in Kauf. Unsere Überproduktion wird so zum Bumerang; alles, was jenseits des angemessenen Maßes wächst, mutiert ins Krankhafte.

Der Umgang mit einem zeitweise besonders hohen Anteil an älteren Menschen in unserer Gesellschaft könnte uns lehren, zur Besinnung zu kommen, wieder neue Formen des sozialen Lebens zu entwickeln, mit etwas weniger auszukommen, unsere Wirtschaft intelligent umzustellen und uns in unserem Denken und Handeln grundlegend anders auszurichten: auf mehr Sein und Füreinander-Da-Sein, statt noch mehr Haben.

Die Bewältigung unseres zyklischen Bevölkerungsrückgangs aus eigenen Kräften wäre eine sanfte Revolution.

Denn er würde sowohl unseren Systemen in allen Lebensbereichen als auch den Einzelnen eine wirkliche Neuorientierung abverlangen. Die Kräfte der Jungen und der Alten wären gefordert, sich wieder mehr auf das zu konzentrieren, was das Land und seine Menschen wirklich brauchen: Ein neuer Sinn für Gemeinschaft und für wahrhaft zukunftsfähige Lösungen und Wandlungen könnte initiiert werden.

Wenn die Fachleute aller Disziplinen, aller Bereiche der Wirtschaft, der Behörden und Institutionen die Vision eines Gemeinwesens vor Augen hätten, das bewusst auf Reduzierung, Entschleunigung, Effizienz, Ökologie … setzt und sie ihre Intelligenz, ihre Kreativität und ihren Willen daran ausrichten würden, dann würden die Wege dorthin gefunden werden; ohne dass dafür mit einem wesentlicher Einbruch an Lebensqualität bezahlt werden müsste.

Darauf zu verzichten, überhaupt noch Dinge herzustellen, die wir nicht wirklich brauchen, Tand, Schrottartikel aller Art, eine geradezu groteske und völlig sinnfreie Produktvielfalt in denselben Sparten; die nächtliche Beleuchtung ganzer Metropolenräume weitgehend einzustellen, sinnlose Arbeit, zerstörerisches Tun zu unterlassen – überall liegt Potential für gesunde Reduktion, für „moderne Askese“ (Romano Guardini), um sinnvolle Aufgabenfelder für die menschliche Kreativität und Intelligenz freizulegen.

Unrealistisch?

Trauen wir den Älteren mehr an Einsicht, den Jungen mehr an Kräften zu. Trauen wir uns die Fähigkeit zu Selbstbegrenzung und mehr Gemeinsinn zu, wenn wir verstanden haben, wofür: für eine wahrhafte Weiterentwicklung unseres Landes und für die Zukunft unserer Kinder, den Erhalt unserer Lebensräume. Denn alles beginnt bei uns selbst, im eigenen Nahumfeld und dient dann zugleich der Menschheit insgesamt, dem Leben, der Erde.

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