Mangel

clausAllgemein

Der Reichtum des Mangels

Eine paradoxe Dualität des Mangels prägt den gegenwärtigen Weltzustand. Da ist einmal die lebensbedrohliche materielle Armut. Sie hält Menschen, ja ganze Länder, im nackten Überlebenskampf. Sie blockiert jegliches Streben nach einer Selbstverwirklichung, die geistig und handelnd den engen Rahmen der alltäglichen Daseinsvorsorge überschreitet. Zwar zeigt die Landkarte dieses durch existentielle Armut verursachten Mangels hervorgehobene Kontinente und Regionen auf unserem Planeten, doch zieht sich der entwürdigende Schrecken mittlerweile auch durch die so genannten reichen Länder und Regionen.

Dem steht der Mangel durch Überfluss gegenüber. Wir finden ihn vor allem in den hoch industrialisierten Ländern, aber auch den korrupten Herrschafts- und Wirtschaftseliten der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die Haltung des Habens und Haltens ist im Überflussmangel in einer äußerst destruktiven Weise aggressiv, und sie muss es sein; denn sie hat ständig etwas zu verteidigen – Geld, Güter, Status, Sicherheit. Solches Anhaften lässt leiden; nicht nur die Opfer von Habgier und Uneinsichtigkeit, sondern auch die, die nicht loslassen können. Ihr vom Materiellen und Dinghaften besetzter „Sinn des Seins“ und ihre an den Besitz gebundene Identität sind brüchig wie die Dinge selbst. Und sie hinterlassen unstillbare Defizitgefühle im Raum des Lebenssinns.

Doch Mangel hat nicht nur diese doppelten negativen und oft lebensverachtenden Seiten in der Form von Armut und Not auf der einen oder der des Überflusses auf der anderen Seite. Mangel zeigt sich auch in jenem Empfinden, das dem Entwicklungs- und Veränderungsdrang hinsichtlich einer als unzulänglich wahrgenommenen und empfundenen Gegenwart vorausgeht. Dieser Mangel ist der Stachel des Noch-Nicht, des zwar Ersehnten, aber noch Unvollendeten. Ihn zu spüren, stellt den Zusammenhang zu den Bedingungen her, die ihm zugrunde liegen. Und er steht damit am Beginn eines Bewusstseins, das die Voraussetzung dafür ist, an seiner Überwindung zu arbeiten.

Auf das Materielle und auf Güter bezogen ist dieser Gedanke banal. Ihm liegen nicht zuletzt ein Großteil der Erfindungen und auch Reformen zugrunde. Not macht eben erfinderisch. Geistig stellt er für Kulturen, vor allem aber für den einzelnen Menschen, eine äußerst weit reichende Herausforderung dar. Denn dieses Mangelempfinden will nicht abgestellt sein, es will am Leben gehalten werden! Es beugt der Selbstzufriedenheit und einer entsprechend von der Verbundenheit mit allem Leben fortführenden Selbstgenügsamkeit vor. Es hält in der Freiheit unterwegs zu sein – und zwar mit leichtem Gepäck. Dieser Mangel ist geistiger Natur und zutiefst spirituell. Er braucht, um seine Energie als Freiheit zu entfalten, den bewusst gewählten materiellen Mangel; oder wir sollten hier eher von Genügsamkeit sprechen und dem Verzicht auf das, was es zu einem Leben in Würde nicht braucht.

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