DU

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Du

Es ist eine alte Erkenntnis, dass der Mensch in der Spiegelung durch das Du, sofern er ihm in Achtsamkeit und Offenheit begegnet, zum Ich geführt wird und zum Selbst wächst. In dieser Begegnung beginnt er zu verstehen, dass sein Ich Teil des Ganzen und er von diesem her zu identifizieren ist. Er sieht zudem, dass nicht nur er in der Welt aufgeht, sondern die Welt auch in ihm. Vorausgesetzt, er lässt es zu. So steht er praktisch in einem universalen Dialog, der alle vier Ebenen des Du mit einschließt und berührt.

Ebene 1: Wir begegnen dem Du in der Schöpfung – in den Elementen, den Pflanzen, den Tieren, den Gestirnen. Diese Begegnung lebt von der Anerkennung und Respektierung des Lebenswerten allen Seins. Wir hören etwa die Sprache des Baumes zwischen Verwurzelung und himmlischem Freiheitsdrang. Wir empfangen vom Licht der Gestirne die Botschaft der Ausdehnung und der Unendlichkeit. Wir lesen in den Augen eines Tieres das scheue Ahnen der Sehnsucht. Alles erkennen wir als zugehörig zur universalen Geschwisterschaft.

Ebene 2: Wir begegnen dem Du im anderen Menschen. In dieser Begegnung mit dem uns gattungsmäßig Gleichen und in der Anerkennung des So-Seins des Anderen erfahren wir Befreiung zu uns selbst und dem Menschheitskörper insgesamt.

Ebene 3: Wir begegnen dem Du in der geistigen und göttlichen Welt. In dieser Begegnung mit den Quellen und den Zielen unserer Sehnsucht, mit dem Woher und Wohin unseren und allen Seins, werden unser Stolz und unsere Hybris relativiert. Wir erkennen das Verfügt-Sein und unsere Möglichkeiten, sehen, was uns unendlich übersteigt und wessen Teil wir zugleich sind. In der Kommunikation mit dem göttlichen Du dienen als Sprache und Empfangsraum das Schweigen und das kontemplative Gebet.

Ebene 4: Wir begegnen dem eigenen, inneren Du, unserem innersten Seins-Grund und Resonanzraum, der mit allem verbunden, ja eins ist. Erst diese Begegnung macht uns zum ganzen Menschen, bewahrt uns davor, zerrissen, ausgeliefert und ohnmächtig zu sein. In der Begegnung mit dem inneren Du als unserem Selbst begegnen wir allem anderen wieder, bis hin zu dem Kern des Göttlichen, der an sich auch unser eigener ist.

Der Stellenwert der Begegnung mit dem eigenen, inneren Du verdeutlicht den Stellenwert des eigenen Lebens. Die Ehrfurcht vor dem Leben, die uns Albert Schweitzer so einzig lehrte, schließt an zentraler Stelle die Ehrfurcht vor dem eigenen Leben mit ein. Die Ehrfurcht und Achtung vor dem kosmischen und geschöpflichen Teil meines Seins und Wesens spitzt die Ehrfurcht vor dem Leben erst in ihrer ganzen Tragweite zu. Sie verdeutlicht mir meine Bedeutung und meinen Stellenwert, meine Verantwortung und meine Grenzen, meinen Auftrag im Dienst am Ganzen! Nun gibt es kein Entrinnen mehr, denn nun stehe ich jederzeit durch das Bewusstsein meiner Selbst im universalen Kontext. Und Selbstmissachtung, vor allem durch das Blockieren der in mir ruhenden Möglichkeiten, hieße: Die Entwicklung des Ganzen bremsen.

(Für die Verwendung des Fotos von Albert Schweitzer bedanke ich mich beim Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrum in Frankfurt.)

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