Lob der Grenze

clausAllgemein

Lob der Grenze

Kaum etwas ist für manche Zeitgenossen so schwer zu ertragen wie Grenzen – äußerer und innerer Natur. Ja, sie mögen sogar leicht als narzisstische Kränkung empfunden werden, wenn wir dort, wo wir so gerne weiter wollten, auf ein „Stopp“ treffen. Grenzen als lähmend wahrzunehmen, als Behinderung meines Ausdehnungsdranges und Einschränkung von Freiheit spiegelt ein kulturelles Niveau, das immer weiter, immer schneller, immer größer, durch jede Mauer hindurch zutiefst verinnerlicht hat. Es ist ein Niveau, das wir nicht anders benennen können als: spätpubertär.

Ich möchte den Blick wandeln. Von dem, was mich zu behindern scheint hin zu dem, was mich ermöglicht. Dass wir Grenzen brauchen und eine positive Erziehung genau meint, dieses zu lernen und zu respektieren, ist nun wahrlich fast schon zu banal, um es aussprechen zu dürfen. Und doch lohnt sich ein grundlegender Perspektivwechsel.

Konsum, dem ich nicht die Grenze setze, auf das zu verzichten, was es zu einem Leben in Würde nicht braucht, wird zum Götzen und vernichtet neben kostbaren und begrenzten Ressourcen freies Handeln.
Mobilität, die nicht respektiert, dass es Räume und Orte gibt, an denen wir nichts zu suchen und nichts zu finden haben, zerstört das, an dem sie sich ergötzen möchte.
Sexualität ohne Grenzbewusstsein hinsichtlich der Empfindungsseele des anderen liegt nahe an Entwürdigung und dem Verlust einer Intimität, die sich immer auch als Teil eines Geheimnisraumes sieht.
Migration ohne klare und verantwortbare Grenzgrößen und deren Respektierung zerstört durch kulturelle und psychologische Überforderung beides: erhoffte Integration und gleichzeitige Bewahrung einer historisch gewachsenen kulturellen Identität.
Kommunikation, der nicht die Einsicht zugrunde liegt, dass allem Aussprechenwollen immer auch die Frage von Takt und Timing gegenübersteht, trennt eher, als dass sie verbindet.

Grenze meint: mir ist ein Raum zugewiesen. Nach innen kann ich mich hier entfalten, die Dinge gestalten, meine Energien bündeln und dosieren. Es ist mein Raum der Freiheit. Auf das Außen bezogen bietet mir der Raum einen gewissen Schutz. Der sollte zwar nicht als Sicherheit missverstanden werden, doch gewährt er ein wenig Verlässlichkeit, das notwendige Maß an Überschaubarkeit und auch immer wieder eine Ahnung von Ruhe. Ich-Bewusstsein, Individualität und Sozialität und auch ein in das Ganze eingebettetes Selbstwertgefühl sind ohne Grenzen nicht vorstellbar. Die Grenze gehört zum Prozess der Stiftung von Identität. Und dies gilt personal, sozial und kulturell. Vor allem aber: Nur wenn ich meine eigenen Grenzen und die darin liegenden Möglichkeiten achte und respektiere, vermag ich Toleranz und Respekt vor denen anderer Menschen, ja anderen Lebens zu entwickeln. Dieses doppelte GrenzWERTbewusstsein auch ist die Voraussetzung für das Entstehen von Empathie, also der Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz; der Nähe, die ich brauche, um den anderen in Tiefe zu verstehen, ja vielleicht sogar von ihm/von ihr her zu empfinden; und jener Distanz, die erforderlich ist, dass sich die Grenzen zwischen Ich und Du nicht auflösen und mich handlungsunfähig machen.

Akzeptanz und Wertschätzung der Grenze sind schließlich die Voraussetzung dafür, sie zu transformieren, ja zu überwinden. Das ist die Dialektik des Grenzhaften. Wir sprechen hier von der Fruchtbarkeit, die darin liegt, sich zu bescheiden. Denn in Demut und Klarheit das Gegebene zu respektieren, lässt natürlich unseren Unendlichkeitsdrang und den dem Menschen beigegebenen Sog in das Entgrenzte nicht absterben. Im Gegenteil. Beide werden dadurch erst wahrhaft geboren und zu ihrem Eigentlichen erweckt; und das liegt jenseits alles Vorläufigen, Bedingten und Verdinglichten. Als wunderbare Kehrseite der Grenzen im Alltagsleben öffnet sich nun ein Ewigkeitsraum…

…im Blick zu den Sternen;
…in den Augen eines kleinen Kindes;
…in der Liebe, die alle Grenzen überwindet;
…in der Sehnsucht, die sich auf das Absolute richtet;
…in der Gewissheit des ewigen Gesetzes, das in mir ruht!

Wenn Sie meinen Blog abonnieren möchten, klicken Sie bitte hier.