Der Kampf gegen Gipfel…

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Der Kampf gegen Gipfel erfüllt ein Menschenherz

Es ist eine existentialistische Grundthese, dass das Leben des Menschen absurd sei. Gleichsam wie ein wildes Tier kann uns diese Absurdität unvermutet plötzlich an einer Straßenecke anspringen. Möglicher Sinn entsteht dann nur dadurch, dass wir uns in Gänze immer wieder selbst neu entwerfen. Es könnte allerdings sein, dass dieser infinite Neuentwurf in einer Spaß- und Konsumkultur wie der unseren eine ziemliche Herausforderung darstellt. Mancher mag daran verzweifeln, wenn er sich täglich wieder in diese Anforderung stellt; so wie Sisyphos, der antike tragische Held. Den Göttern tanzte er beständig auf der Nase herum, bis sie eines Tages seiner Dreistheit überdrüssig waren. Sie verurteilten ihn dazu, bis in Ewigkeit einen gewaltigen Stein einen Berg hinaufzustemmen. Hat er das unter Aufbietung aller Kräfte geschafft, rollt der Stein wieder herunter. Es gibt keinen Erfolg, keinen Abschluss, nur Sinnlosigkeit und Absurdität pur. Deshalb sprechen wir von Sisyphos-Arbeit…

Albert Camus, der begnadete französische Philosoph und Romancier erzählt uns diesen Mythos in existentialistischer Blickweise auf eine ungewohnte Weise. Es lohnt sich, entsprechend neu darauf zu schauen. Denn es ist ein Gleichnis über den Menschen und über das Menschsein an sich. Wir lernen, Sisyphos nicht lediglich als gefallenen Helden zu sehen, gestellt in ein vergeudetes Sein. Camus lässt sich Sisyphos stattdessen neu entdecken. Begeben wir uns einmal kurz in diese Geschichte und werden zu Sisyphos….

Wir nehmen das Schicksal an. Wir jammern nicht rum. Wir akzeptieren die uns gesetzten Grenzen. Und dann entdecken wir innerhalb dieser Grenzen unsere eigentliche Berufung. Den Stein stemmen, ja! Aber damit sind der Tag und der Weg ja nicht zu Ende…Oben angekommen, halten wir inne, schauen über die Gipfel, genießen den Blick. Bewusst und gelassen schreiten wir dann den Berg wieder hinunter, winken lächelnd den ärgerlich blickenden Göttern zu (und denken uns: „mit mir nicht, meine Lieben“). Unten angekommen, nehmen wir nach einem kurzen Innehalten Stein und Berg wieder in Angriff.

Das Sosein des Sisyphos spricht über unser Leben. Die Deutung, die wir ihm hier geben, erinnert uns, nicht den ganzen Blick und die gesamte Energie auf die Mühsal zu richten. Denn in jedem Spielraum liegt ein großer Schatz an Möglichkeiten. Das Ganze der Wege und Bewegungen des Sisyphos macht eben das Leben aus. Es ist also, wie Camus so schön schreibt, der Kampf gegen Gipfel, der ein Menschenherz vollständig auszufüllen vermag. Und wenn wir das verstanden haben, dann verstehen wir auch den Satz, den er an das Ende seines Essays stellt:
„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

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