Erschütterung und Läuterung – Advent

clausAllgemein

Advent ist einmal eine Zeit der Erschütterung,
in der der Mensch wach werden soll
zu sich selbst.

Der am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtete Jesuit und Widerstandskämpfer Alfred Delp schrieb diese Worte.

Ich möchte ob dieses uralten und zugleich ursprünglichen Verständnisses von Advent nicht in das Lamento darüber verfallen, was daraus geworden ist: als Kauf- und weihnachtsmärktischer Kitsch- und Sinnesrausch oder wie in diesen Tagen „Media Markt“ verkündigt: „O du schöne Schnäppchenzeit“…

Im Advent stehen wir in der zweiten großen Besinnungszeit des Kirchenjahres neben der vorösterlichen Passionszeit. Auch dem, der sich nicht in christlicher Tradition stehend sieht, kann sie Erinnerung sein; die Erinnerung an die eigene Berufung als Mensch; die Erinnerung an die radikale Freiheit, die in unserem Wesenskerne ruht; die Erinnerung an das jederzeit Mögliche, das in mir darauf wartet, geboren, neu geboren zu werden.

Advent durchlebt die Dunkelheit auf den Tag hin, an dem die Sonne wieder länger scheint und neues Licht sich in den Raum des Menschlichen ergießen möchte. Advent ist Zeit der Besinnung, Zeit der Läuterung, Zeit zum Eintauchen in die ungestillte Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Absoluten. Es ist Kairos-Zeit pur! Und Advent möchte uns so zu erneuerter innerer Ausrichtung führen:
Wofür lebst du im Letzten?
Was führt dich?
Welche Quelle speist dich?

Zu genau dieser Orientierung wollen auch die biblischen Texte in diesen Wochen ermahnen. Es sind alles andere als Wohlfühl- und Vertröstungstexte. Sie sind an Radikalität nicht zu überbieten. Jesus verkündet die Endzeit, in der die „Völker bestürzt und ratlos sind…und die Menschen vor Angst vergehen“. Das hören wir im Dezember 2018 inmitten der Nachrichten über den Zustand von Mutter Erde.

Es geht also darum, achtsam und wachsam zu sein, vorbereitet und im Einklang mit sich selbst; und dies gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Menschen sich hinsichtlich ihrer an sich wunderbaren Bestimmung weitestgehend verloren haben…
Diese innere Bereitung allerdings erfordert die Bereitschaft warten zu können und sich der eigenen sehnsuchtsvollen und segensreichen inneren Unruhe zu stellen, statt sie zu betäuben.

Der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet wurde, wies uns darauf hin, welche außerordentliche Herausforderung in diesem Warten ruht:

Warten kann nicht jeder: nicht der gesättigte, zufriedene
und nicht der respektlose. Warten können nur Menschen,
die eine Unruhe mit sich herumtragen, und Menschen,
die zu dem Größten in der Welt in Ehrfurcht aufblicken.
So könnte Advent nur der feiern, dessen Seele ihm keine Ruhe
läßt, der sich arm und unvollkommen weiß und der etwas ahnt
von der Größe dessen, was da kommen soll, vor dem es nur gilt,
sich in demütiger Scheu zu beugen, wartend bis er sich zu uns
neigt.

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