Ästhetik als Revolte

clausAllgemein

Ja! … Wir leben in der Gegenwart in einer sich langsam zur Gewissheit verdichtenden Ahnung, dass die gegenwärtige menschliche Zivilisation bald ein Ende haben könnte. Weil wir, bei aller Schönheit der Seelen, auch Raubtiere sind, die den Planeten gnadenlos plündern und verwüsten. Trotzdem ist es ein unauslöschbarer menschlicher Instinkt, unsere Geschichte immer weiter zu verlängern. Neben archaischen Überlebensimpulsen stammt dieser Instinkt aus einer Klarheit, die sich in uns auf eine unwiderstehliche Weise als wahr zu erkennen gegeben hat. Diese Wahrheit klärt sich nicht in Rede und Gegenrede, nicht in Abwägung aller zugänglichen Argumente. Vielmehr gewinnt sie ihren Anspruch und ihre Maßstäbe aus der Ästhetik des Seins und des Schöpferischen selbst. Sie wird immer wieder neu geboren in der Schönheit und in dem Wunder, dass etwas wird, wächst, sich entwickelt. Diese Wahrheit kann uns retten! Sie begehrt auf gegen den kapitalistischen, individualistischen, ja zivilisatorischen Irrsinn der Gegenwart; sie nährt sich aus der Zustimmung zum großen Entwurf und dem Geheimnis der planetarischen Schöpfung. In anderen Worten: Der Widerstand gegen Lebensfeindlichkeit, Zerstörung, Vernichtung, Ungerechtigkeit, Leid und Dummheit erwächst aus der Übereinstimmung mit dem Lauf der Gestirne, dem Zauber einer Rose und dem Anmut einer Gazelle.

Was die in Natur und Kosmos in sich selbst liegende Wahrheit als Schönheit ausmacht, versucht nun der schöpferische Mensch in der Kunst zu spiegeln und in eigenem Ausdruck zu ergänzen, ja fortzuschreiben. Was Menschen in Jahrtausenden geschaffen haben: in ihrer Art und Weise zu malen, zu formen, sich zu bewegen, sich Ausdruck zu geben, zu singen und Klänge zu generieren; es ist Ausdruck einer Gestalt annehmenden Sehnsucht nach Vollendung bereits im Hier und Jetzt; trotz aller jederzeit mitschwingenden und schmerzenden Vorläufigkeit. Der schöpferische Prozess und das Kunstwerk stellen so einer oft als absurd und sinnfrei wahrgenommenen Seinsempfindung die Ästhetik gegenüber. An ihren Kategorien kann die Welt sich messen und an ihnen genesen.
Kunst erreicht die Seele noch da, wo andere Zugangsweisen unzureichend sind. Und die Bewunderung und das Staunen, das sie hervorzaubert, reichen schon, um auf das Wesentliche unausgesprochen zu verweisen. Du bist tief berührt, ja ergriffen worden. Das eröffnet in dir Bilder und Einblicke, wie Welt möglich sein kann.

Gleichzeitig sehen wir uns mit einem einzigartigen Doppelcharakter konfrontiert, den der künstlerische Prozess und das künstlerische Werk entfalten: über das Unverständliche und Absurde im Dasein vermögen sie einen Schleier der Schönheit zu legen. Er lindert für einen Moment das Entsetzen. Zugleich demaskieren sie die Verschleierungen einer Wirklichkeit, die den Zugang zum Möglichen verdecken. So hilft Kunst nicht nur mit der Wirklichkeit fertig zu werden; sie schlägt auch Löcher in den Beton der Beharrung, durch die das Licht eines besseren Morgen scheint. Dass sie dabei immer wieder selber scheitert und durch das Milieu einer selbstgerechten und satten „Kultur“ schlicht ignoriert wird, mindert diesen Beitrag nicht. Im Gegenteil. Gerade das Scheitern in der Zeit bewahrt Kunst davor, domestiziert und verkitscht zu werden. Scheitern schützt ihre Wildheit und ist damit zugleich Motor für das künstlerische Schaffen selbst. Scheitern dient dann für Kunst als Schutzraum davor, nicht von den Kräften vereinnahmt zu werden, denen sie den Spiegel vorhalten will.

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