Requiem für eine Stubenfliege

clausAllgemein

Gastbeitrag in Wort und Gemälde von dem Münsterländer Künstler Dieter van Offern

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Seit Tagen sehe ich sie nun schon hier herumlungern, jetzt wird dem ein Ende gemacht. Ganz schön dumm, sitzt genau da, wo ich sie am besten erwischen kann. Ausgerechnet auf der einzig freien Fläche des Tisches. Ist das Ahnungslosigkeit? Dreistigkeit? Oder etwa eine Provokation?

Ha, du kriegst mich sowieso nicht…

Wie auf Bestellung liegt griffbereit die Klatsche da, die sonst nie da ist, wenn ich sie brauche.
Klatsch. Volltreffer, ab in den Müll.

Aber, war das nötig? Sie war eigentlich nicht lästig gewesen. Sie hat mich vor Allem nie körperlich belästigt, wie die meisten Ihrer Art. Sie saß mir weder auf der Glatze – das machten die meisten mit Vorliebe – noch auf der Nase oder der Hand. Was mich besonders nervte, wenn sie dann trotz unentwegten Verjagens hartnäckig wider kamen, was ich nur als bösartige Attacke auf meine Geduld und Nervenstärke deuten konnte. Ähnlich, wie wenn kleine Kinder einen necken, und wie sie es mit mehr ja mit steigender Lust wiederholen, je heftiger man sie abwehrt.

Nur die, die ich eben erschlagen habe, hatte mich nicht in dieser Weise belästigt. Hat sie sterben müssen weil ich ein Exempel statuieren wollte, um mich für vergangene Unbill zu rächen? Was ja wohl ein hirnverbrannter Unsinn wäre, eine Einzige – eine ungewöhnlich Harmlose dazu – als Vergeltung für hunderte dreister, den Nerv tötender Artgenossen? Sippenhaft? Kollektivschuld? In meinem Namen?

Dabei habe ich sie schon seit Tagen beiläufig beobachtet und ihre dezente Zurückhaltung bemerkt. Ich glaube, sie hat sich einfach bei mir wohlgefühlt, hat meine Aromen goutiert und meine Musik. Ich habe beobachtet wie sie sich lange auf Büchern aufgehalten und sie liebevoll und zärtlich mit ihrem Rüssel betupft hat. Sie hat meine CD-Sammlung ausgiebig begutachtet und überhaupt alle möglichen Gegenstände.

Hat sie nicht auch zauberhafte Arabesken in die Luft gezeichnet und noch gestern Bachs Piano-Partiten ausgiebig im Fluge dirigiert?

Selbst wenn sie in einem unbeobachteten Augenblick heimlich mit ungewaschenen Pfoten quer über mein Käsebrot gelaufen und es womöglich sogar abgeschleckt hätte, wäre es kein Grund dieses kleine lebenslustige Tierchen, das offensichtlich die gleichen Dinge mochte wie ich, zu erschlagen.

Wer weiß was ich da erschlagen habe? Vielleicht die Reinkarnation vom alten Bach oder die meines verehrten Epikur, schließlich hatte sie was von ihm? Wer weiß.

Vielleicht rächt sich das noch, vielleicht schlimmer als ich ahne. Wer kennt schon die geheimen Verbindungen in der Natur und im Leben überhaupt? Haben nicht Fliegen zu anderen Insekten geheime Kontakte und die wiederum zu größeren und so weiter? Können nicht kleinste Ursachen die größten Wirkungen haben? Kann nicht der Flügelschlag eines Schmetterlings – wie jeder weiß – eine Lawine im Himalaja auslösen? Kann nicht der willkürliche Mord an einer Stubenfliege katastrophale Auswirkungen auf mein Leben, ja auf unser aller Leben haben?

Was habe ich da nur angerichtet ?

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