Wandeln wandelt…ein Lob des Gehens

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Im Gehen, in der Verbindung der Füße mit der Erde, die uns trägt, bin ich mit mir selbst unterwegs. Ich kann mir nicht entkommen. Die Gedanken werden, wenn ich es zulasse, tief. Sie strukturieren und ordnen sich. Neues tritt hinzu oder bricht einfach so ein, als hätte die Bewegung es in einem eingefriedeten Geist freigeschüttelt. Die Dynamik der körperlichen Bewegung, die Verbindung mit der Atmung und die Bewegungen des Geistes verschmelzen zu einer Einheit.

Dass er sich die besten Gedanken angelaufen habe, vermerkte der Kopenhagener Religionsphilosoph Sören Kierkegaard (1813-1855). Er stellt sich damit neben das griechische Philosophengenie Aristoteles (384-322 v.Chr.), auf den die Peripatetiker zurückgehen (griechisch: ‚peripatētikós’ – ‚einer, der auf und ab geht’). Wir können darüber auch als einer Schule der Umherwandelnden sprechen. Aristoteles selbst lehrte im hin- und hergehen. In der peripatetischen Schule wurde eine Verbindung des zu reflektierenden Themas mit der sinnlichen Wahrnehmung des Ortes in der Bewegung hergestellt. Das ermöglichte Überlegungen, die das sitzende Brüten über einem Blatt Papier/Pergament so wohl kaum zu Tage gefördert hätte.
Ich selber habe seit vielen Jahren die Angewohnheit, Ausgangsgedanken für Texte und vor allem Vorträge im Gehen zu erschließen. Je fordernder das Wetter, um so besser gelingt das. Starker Wind etwa, eine tiefe Atmung und ein paar Regentropfen im Gesicht legen Einsichten und Formulierungen frei, nach denen ich im Sitzen lange suchen muss. Im Gehen fallen sie mir zu. Und wenn es einen Text präzise zu lernen gilt und das bloße „abscannen“ im Kopf nicht reicht, wie bei einem längeres Gedicht etwa – im Gehen, im Atmen, im Blick zu den Wolken brennt es sich dauerhaft in die Erinnerung ein.

Das Gehen weitet Herz, Seele und Geist. Die Horizonte der Landschaft oder auch der Stadt verändern unsere inneren Horizonte, verschieben, erweitern sie. Welt greift Raum in dir. Sie relativiert durch ihre Größe die kleinen Verfangenheiten, in denen dein Geist vielleicht gerade fest steckt. Manche melancholische Verstimmungen, ungute Emotionen oder Verärgerungen lösen sich auf. Du kehrst anders zurück, als du losgegangen bist. Wandeln verwandelt. Und es vermag einen außerordentlichen Beitrag zu deiner Heilung auf allen Ebenen von Körper, Geist und Seele zu leisten. Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr.), der berühmte Arzt der Antike und Begründer der (modernen) Medizin, fasste das in den Satz: „Gehen ist des Menschen beste Medizin“.

Die Schritte, die wir so unterwegs sind, stehen auch für den Archetyp des Pilgerns. Es ist das existentielle Unterwegssein, das unentwegt ins Ungewisse schreiten, ohne dir selbst auszuweichen. Du musst dafür nicht unbedingt ein konkretes Ziel, einen „heiligen“ Ort als Orientierungspunkt haben. Dieses Gehen selber hat eine Tiefe, die wohl am Besten mit „spirituell“ umschrieben werden kann. Eine gute Freundin, Stefanie Spessart-Evers, hat darüber schöne Bücher geschrieben.

Bildschirme, sei es am Computer, am Smartphone oder am Fernseher, saugen unsere Wahrnehmung in sich auf, ziehen sie in sich und ihre Texte, Töne und Bilder hinein. Zugleich lähmen sie den Leib, der doch auf Bewegung hin so wurde, wie er ist. Im Aufstehen, Durchatmen und Gehen werden wir uns dann nicht nur als Körper-Seele-Geist-Einheit immer wieder gerecht, es zeigt sich darin auch eine Haltung, die sich nicht mit Hinnehmen, Verharren und Sich-Einrichten bescheiden will. Sie drückt vielmehr im Kleinen aus, was für das Leben an sich gilt.

Behalt das Herz des Wandrers.
Schütze deine Sehnsucht.
Laß selbst Schönheit,
wenn sie festhält.
Schlaf nicht zu lang
in gesicherten Wänden.
Haus hab als Zelt.
Behalt das Herz des Wandrers!
Niste nur ein als Zugvogel,
sehnsüchtig nach anderem Land.

(Gisela Dreher Richels)

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