Die Seele und das Dunkle

clausAllgemein

Die Seele vermag uns zum Erhabenen und Wunderbaren zu erheben, uns in Berührung mit dem Göttlichen zu bringen. Doch kann, wie Teilhard de Chardin (1881 – 1955) es einmal formulierte, die Erhabenheit des Gipfels nur erahnt werden angesichts der Tiefe des Abgrundes, der daneben aufragt. Und so liegt es im Raum der Möglichkeiten, dass sie auch mit der dunklen Seite des unendlichen Feldes in Resonanz treten kann. Es ist die Seite, die wir, von der menschlichen Ethik her betrachtet, das Dunkle oder gar das Böse nennen. Die Seele kann irren, und sie kann sich verirren. Und sie kann verdunkeln. Zu leuchten vermag sie nur, wenn die Liebe, die bedingungslose und hingebungsvolle Seinsliebe durch sie fließt. So wie ein neugeborenes Kind, ist die Seele an sich rein. Für die Resonanz, in die sie im Verlauf des Lebens geht, ist der Mensch, verbunden mit den Einflüssen seiner Umgebung, alleine verantwortlich. Und so bedarf es immer wieder der Einübung in den bewussten Geist, der sich Rechenschaft ablegt über die Bewegungen der Seele und der ihr hilft zu widerstreben, wenn sie droht, dem Dunklen zu erliegen. Das ist unser niemals endender Lebensauftrag. Wie viele, auch politisch oder wirtschaftlich bedeutendste Menschen, sind an ihm gescheitert. Den Energiefeldern der eigennützigen Macht, der gewalthaften Herrschaft, des Materialismus und der Ideologie wollten sie nichts entgegensetzen – oder sie meinten es nicht zu können. Und dann gilt, was Friedrich Nietzsche auf den Punkt brachte:
„Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Er stellt dann eine Resonanz mit deiner Seele her….

Diese Verirrungen jedoch müssen nie ein letztendliches Schicksal sein. Denn zu der Heimat, aus der die Seele stammt, gehört das Licht, das heller strahlt, als jeder Abgrund es je könnte. Und so kann die Seele jederzeit die Schönheit des Universums, die Schönheit des Seins und die eigene Schönheit in Liebe erfassen und sich damit selbst wieder in die entsprechende Schwingung bringen.

Meister Eckehart sagte einst, dass die Seele immer da sei, wo Gott Mitleid bewirkt. Dieser Punkt scheint mir gerade im Hinblick auf die „Verdunklungsgefahr“ wichtig: die Beziehung von Seele, Mitempfinden und Mitleid, von Schönheit, Mitempfinden und Mitleid. Denn es gibt weder eine tiefe, der Quelle des Lebens entspringende Seelenregung ohne diese Beiden, noch gibt es Schönheit in einem tieferen Sinne ohne Mitempfinden und Mitleid. Es ist jenes Mitleid, das sich rührt, wenn Leben verwundet und getreten wurde, wenn die Schönheit der Schöpfung sich Misshandlungen ausgesetzt sieht. Mitleid ist dann das Mitempfinden eines schmerzenden Defizits; eines Defizits an Liebe, an Zuwendung, an Respekt; eines Defizits an Unversehrtheit. Die Tränen des Mitleids reinigen und heilen die Seele. Sie entschlacken sie von verheerender Selbstbezüglichkeit. So weitet liebendes Mitleid die Seele immer wieder, führt sie durch Empfindung über ichhafte Ankettungen hinaus in das Feld des Miteinander.

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