Der Gang über die Brücke

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Religionen ruhen in Traditionen. Sie haben sich im Verlauf der Kulturgeschichte aus Zeitströmungen herausgebildet, genau wie Rituale. Beide dienten und dienen der Stiftung und Bewahrung von religiöser Identität. Sie bieten ein Rahmen für vertraute Geist- und Verhaltensräume.

Für eine Menschheit im Werden, die auf ihrer Entwicklungsstufe immer noch Grenzlinien bedarf, um die Orientierung nicht zu verlieren, sind sie notwendig. Sie halten in der Erinnerung, bilden Bollwerke gegen das Vergessen. Auch ist es schwer vorstellbar, dass wir auf der gegenwärtigen Evolutionsstufe überhaupt ohne Traditionen, Rituale und die entsprechende Sinnstiftung leben können.

Im Laufe von Epochen kommen jedoch zu den Kern- und Ausgangselementen immer mehr Ausschmückungen und Deutungen hinzu. Oft sind sie verbunden mit einem gesetzlichen Charakter, mit Dogmen, die sich auf einen – wie auch immer behaupteten – Willen des Göttlichen berufen. Spätestens hier beginnt das Verhängnis. Denn mit dem Korsett der Festschreibungen, Definitionen und Auslegungen formt sich ein begrenztes und kulturell zugeschnittenes Gottesbild. Nicht selten repräsentiert es lediglich noch die Interessen und Bedürfnisse spezieller Menschengruppen. Die Weite einer Kathedrale wandelt sich dann im schlimmsten Falle in die Spießigkeit eines Schrebergartens.

In dieser Sackgasse stecken viele religiöse Traditionen und damit ein großer Teil der Menschheitsfamilie. Wenn wir diese Sackgasse verlassen wollen, müssen wir lernen loszulassen. Das wahrhaft Wesentliche wird nicht vergehen. Was überzeitlich, gehärtet und über undurchlässige Grenzen von Einzelreligionen hinausweisend ist, wird vielmehr als Tradition neu und gereinigt wieder entstehen. Wer die wesenseine Gottheit sucht, kommt an diesem Feuer des Loslassens nicht vorbei.

Jesus selbst steht für Loslassen, Reinigung und Konzentration auf das Eine und Letzte, das er Reich Gottes nannte. Dessen Zugang erkannte und beschwor er als schon jetzt in uns lebend. Er weist damit den Weg über die Brücke in den dahinter liegenden Raum der Freiheit und der Begegnung. Es ist der Raum des Eins Werdens. Du gehst, siehst dich geführt und kannst dir sicher sein, keinen Verrat an deinen Ursprungsimpulsen zu begehen. Diese Gewissheit steht. Und sie wird auch die Gottsucherinnen und Gottsucher anderer Traditionen über ihre Brücken führen – aufeinander zu…

Dort dann, am Ort der Begegnung, der jederzeit und überall sein kann, verschmelzen die Essenzen des Jeweiligen zum einen und reinen Geist.

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