Ahimsa

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Mahatma Gandhi führte auch in den westlichen Kulturraum den Begriff Ahimsa ein. Er prägt die Ethik in allen fernöstlichen Religionen. Gandhi selber übersetzte ihn als „spirit of nonviolence“: Geist des Nichtverletzens. Er gilt gegenüber allem Leben, nicht nur dem des Menschen. Wo wir uns nicht bereithalten, schwächeres Leben mit unseren Möglichkeiten zu schützen, machen wir uns schuldig. Das Nichtverletzen heute steht allerdings nicht nur im Vorzeichen des Respekts, der Ehrfurcht und der Würdehaftigkeit allen Seins, es muss auch der Pflege, der Bewahrung und der Wiederherstellung von Lebensvielfalt dienen. Aus Vielfalt besteht das Wesen der Schöpfung. In Vielfalt will das Kleid von Mutter Erde leuchten.

Doch auch eine entsprechend natur- und lebensverbundene Haltung kann nicht davon ablenken, welche Widersprüchlichkeiten in den Naturprozessen selbst stecken. Natur kennt keine Ethik. In ihr lebt immer auch das, was Albert Schweitzer die Selbstentzweiung des Lebens nannte. Lebewesen leben von Lebewesen. Das entzweit sie, und zwingt sie immer wieder zum Töten. Aus dieser Sinnlosigkeit des Sinnhaften gibt es kein Entrinnen. Menschen, das ist ihr Privileg und ihre Verantwortung, können lediglich versuchen, das Leiden zu mindern und sich nicht selber, etwa um zu Töten, auf die Entzweiung der Natur berufen. Nichts etwa rechtfertigt das Töten von Tieren nur um des Genusses willen. Der Mensch muss neben seine Empfindsamkeit die durch Denken erschlossene Ethik stellen.

Doch alles am Leben halten zu wollen, führt in den sicheren Untergang. Die Grenzen des Wachstums und der Ausdehnung gelten universal. Wo diese Grenzen überschritten werden, beginnt die Gewalt der Behauptung und des Überlebenskampfes und zuletzt die der (Selbst)Ausrottung. Ahimsa also führt immer in die Selbstbeschränkung. Und dies gilt nicht nur für jeden einzelnen Menschen, sondern auch für die Menschheit insgesamt.

Ahimsa sollte aber auch nicht mit Lauheit verwechselt werden. Jedes Dulden von Gewalthaftem und Lebensverachtendem vermehrt das Übel. Der Geist des Nichtverletzens benötig so die Bereitschaft und Fähigkeit zu kämpfen. Zaghaftigkeit und Selbstzweifel wenden keine Dinge zum Guten. Der „sanfte“ Jesus warf im Tempel die Tische der Händler um. Wider alle Etikette ließ er als Zeichen der Liebe und der Nähe die Salbung seiner Füße mit kostbarem Öl durch eine Frau zu und bekennt sich gegenüber der Empörung der anwesenden Männergesellschaft zu der Handlung dieser Frau und damit zu ihr.

Toleranz von Zuständen des Unrechts, der Intoleranz, der Verhärtung und der Verletzungen hat keinerlei ethischen Wert und keinerlei moralische Berechtigung. Vor dem (Sich)Versagen steht im Zweifelsfall die klare Tat.

Nichtverletzen mutiert deshalb in den weitergedachten Konsequenzen zum radikalen Wagnis und einer Entscheidungsqualität, die nur mit der ganzen und einsgewordenen Seele erreicht werden kann. Das eigene Leben kann dafür nicht den letzten Maßstab darstellen. Im Sinne des Ganzen gibt es Wertvolleres – vor allem die große Vision einer versöhnten Schöpfung.

Die Kerze spendet Licht um den Preis, dass sie verbrennt.

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