Gewalt und Feigheit

clausAllgemein

Unsere Zeit leidet an überbordender Gewalt. Sie leidet zugleich an mangelndem Aufbegehren gegenüber Gewalt und Gewaltverhältnissen. Gewalt hat überall da freie Bahn, wo ihr keine Zivilcourage gegenübertritt. Manche lammfromm auftretende Zeitgenossen, die der Gewalt vor ihren Augen ausweichen, erweisen sich dann eben bloß als feige. Der Friedenskämpfer und moderne Prophet der Gewaltlosigkeit, Mahatma Gandhi, schrieb 1924:
„Meine Gewaltlosigkeit erlaubt es nicht, vor der Gefahr wegzulaufen und seine Lieben ohne Schutz zu lassen. Wenn die Wahl zwischen Gewalttätigkeit und feiger Flucht zu treffen ist, dann ziehe ich die Gewalttätigkeit vor…Gewaltlosigkeit ist der Gipfel der Tapferkeit…Ich begann, Gewaltlosigkeit erst dann zu schätzen, als ich meine Feigheit aufgab.“
Hinter diesen Worten steht die aus einer langen Lebens- und auch Leidensgeschichte gewonnene Erfahrung, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht aus Lauheit erwachsen. Diese zutiefst jesuanische Haltung stellt sich dem Unrecht. Sie weicht ihm nicht unter dem Vorwand der Sanftmut feige aus. Ihr liegt die Einsicht zugrunde, dass es ein Zu-spät gegenüber jeglichen Formen von Gewalt geben kann und auch ein Zu-spät gegenüber in Strukturen gleichsam einbetonierten Gewaltverhältnissen. Es zu verpassen, Leiden durch Intervention zu mindern und das persönliche Versagen dabei womöglich auch noch als Toleranz zu maskieren, führt zu Mitschuld.

Die Situation, die Gandhi mit der letzten Wahl zwischen Feigheit und eigener Gewalthaftigkeit anspricht, definieren wir als Notwehr. Sie kann für sich den Status eines Naturrechts reklamieren. Es gilt sowohl hinsichtlich des eigenen Schutzes bzw. den anderen Lebens, als auch im Hinblick auf übergeordnete, zeitlose Rechtsideale. Allerdings darf es bei der mit Gegengewalt verbundenen Notwehr bzw. dem Schutz von Leben keine Delegierung der Entscheidung und der Tat geben.
Maßstab bleibt das eigene Leben, bleiben das eigene Risiko und die eigene Verantwortung. Jede Situation fordert dabei zu neuer Klärung und neuer Entscheidung heraus. Und auch die aus der edelsten Haltung heraus praktizierte Gewalt bleibt ein Übel, so wie dem Frieden als Weg die Gewalt als Mittel zutiefst widerspricht. Denn Gewalt fordert Opfer. Und so kann es – trotz aller Berechtigung in der konkreten Situation – keine Grundhoffnung auf Gewalt zur Beseitigung von Gewalt geben! Auch kann der Erfolg von Gegengewalt nie Grund von Freude sein, denn jedes Opfer ruft auch nach Mitleid.

Aus dem Tao te King:

Waffen sind Werkzeuge schlechter Vorzeichen. Sie sind nicht Werkzeuge der Weisen, und sie werden nur benutzt, wenn es keine andere Wahl gibt. Frieden und Ruhe sind dem Herzen lieb, und Sieg kein Grund zur Freude. Wer sich am Sieg erfreut, hat Gefallen am Töten…Wenn viele Menschen getötet werden, sollen sie beweint und beklagt werden. Deshalb muss ein Sieg wie ein Begräbnis begangen werden. (Spruch 31)

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