Das Begehren als Motor des Systems

clausAllgemein

„Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ (Matthäus 6;21)  

Die herrschende Ökonomie sucht die edle Sehnsucht des Menschen vom unbedingten, zeitlosen und wahren Gut hin zum bedingten und austauschbaren zu bewegen. Denn hängt das Herz erst einmal am Ding, kann es beliebig manipuliert werden. Zerbricht eine mit Dingen verbundene Sehnsucht, Erwartung oder Hoffnung, so hält die Schatztruhe der Verführung zahllose glitzernde Ersatzstoffe und Sinnplacebos parat.

Nun tritt die Begehrlichkeit ins Spiel. Sie führt in die Versuchung und wenn sie dieser nachgibt in die Verfehlung. Begehrlichkeit als maßloses Wollen trägt und verhärtet die Ich-Struktur. Sie streckt sich nach einem Gut, das sie im guten Handeln nicht erlangen kann. Denn Gutes zu tun, meint gemeinschaftsorientiert zu wirken. Und das geht nicht ohne zu geben, ohne loszulassen und ohne sich hinzugeben. Das Ich aber will haben, immer mehr und wenn möglich einzigartig.
Das System, das darauf aufbaut und das dadurch erstarkte, heißt Kapitalismus. Es hat die Begierde nicht hervorgebracht, aber sich mit ihr vollständig identifiziert. Und sein Credo gilt, wenn auch in krassen Abstufungen, grundsätzlich genauso für die Vertreter des Kapitals wie für ihren systemimmanenten Konterpart, die Arbeiterbewegung. Im Letzten geht es um Konsum, um Befriedigung, die aus Anhäufung und/oder Verbrauch besteht. Wie anders ist es zu erklären, dass keine Tarifverhandlung seitens der Gewerkschaften ohne die ökologisch groteske Aussage auskommt, mehr Verdienst steigere den Konsum und kurbele so das Wirtschaftswachstum an. Es soll mit diesem Hinweis nicht die turbokapitalistische Ausbeutung und Profitmaximierung relativiert oder gar verharmlost werden. Aber es ist notwendig, dass wir auch die systemtragende Begehrlichkeit, die von ihrem Wesen her unersättlich ist, im Ruf nach sozialer und nach Verteilungsgerechtigkeit durchscheinen sehen.

Im Massenkonsum hat die Gesellschaft einen Weg gefunden, die persönliche Begehrens- und Neidspirale weitgehend zu entschärfen. Der Kreislauf der stetigen Produkterneuerung hält das Begehren jedoch im selben Atemzug auf einem kontinuierlich hohen Niveau. Den Neid und das Begehren stillen und beide immer wieder neu entfachen, werden eins. Moralische Gesetze und Appelle, die auf Vernunft und Mäßigung zielen, erscheinen dabei nur noch als Gängelei und Unterdrückung. Die Umwertung zentraler Grundwerte macht selbst vor der sich so nüchtern gebenden ökonomischen Rationalität nicht mehr halt.

Die verbrauchsorientierte und auf Massenkonsum ausgerichtete Grundhaltung gilt als Eckpfeiler kapitalistischer Ordnungspolitik. Unerklärlicherweise verweigert sie sich der Einsicht, dass der stetig anwachsende private Verbrauch sich strukturell selber bedroht. Denn mit ihm wächst die Knappheit der Ressourcen, die der Produktion der Konsumgüter zugrunde liegen. Das in so manchem unternehmerischen Selbstverständnis existierende und vor allem in der Werbung verklärte Schlaraffenland ist materiell endlich.

Unendlich sind demgegenüber die virtuellen Konsumobjekte, die in den Medienwelten und der Internetgalaxis jederzeit und finanziell erschwinglich bereit stehen. Und so kann vermutet werden, dass das Begehren und der Konsum sich mit der Erosion der materiellen Ressourcen noch mehr dorthin verlagern.
Bildschirmwelten aber stärken den Sog der Augen. Nichts verdeutlicht das so heftig wie die Smartphone-Kultur. In den meisten spirituellen Traditionen wird die „Begierde der Augen“ als Eintrittstor der Versuchung genannt. Mit der Begierde der Augen schaffen wir uns eine Welt nach dem Bild, das alles unersättliche Begehren zeichnet. Es ist eine Fassadenwelt, hinter deren Schein trostlos und gespenstisch das Nichts liegt.

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