Der Sündenbock

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In der Sündenbocksymbolik und im Sündenbockritual haben Gemeinschaften und Kulturen einen Weg gefunden, um kollektive Unzufriedenheit und Gewaltbereitschaft zu disziplinieren.
Das biblische Buch Levitikus schildert die Entstehungsgeschichte dieses Rituals, das am Tag der Sündenvergebung, Jom Kippur, das Volk Israel symbolisch von seiner Schuld befreit. Gott weist Mose an, wie das Ritual zu vollziehen ist:
Neben zwei Opfertieren für ein Sünd- und für ein Brandopfer soll zu Aaron ein lebender Bock gebracht werden. „Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen, und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“ (Levitikus 16;5,17-18,20-22)
Der Bock, der zu dem bösen Wüstendämon Asasel gejagt wird, entlastet nicht nur das Volk Israel, er ermöglicht der Gemeinschaft, gereinigt und versöhnt wieder zusammen zu kommen.

Übertragen soll der Sündenbock also den Menschen von seinen dunklen Anteilen und dadurch hervorgerufener Schuld befreien. Er dient aber auch zu deren Stigmatisierung, Verdrängung bzw. gar Verneinung. Was nicht in Übereinstimmung mit meinem Selbstbild als Person und als Kultur steht, wird auf ein Anderes projiziert und diesem angelastet. So werden Menschen zum Sündenbock gemacht, indem man sie mit dem Dunklen und Bösen gleichsetzt. Man klagt sie an und verbannt sie aus der Gemeinschaft. Den anderen Angehörigen des Kollektivs schenkt das ein Gefühl der Unschuld und der Versöhnung mit einem unerwünschten Zustand.

Das Sühneopfer, das die Sündenböcke in der Geschichte zu (er)tragen hatten, besänftigt eine mit sich im Unreinen lebende Gemeinschaft. Das „Alle gegen Einen“ schafft als satanisches Gegengift Ruhe in der aufgewühlten Volkseele. Es verhindert, dass kollektivinterne Rivalitäten und Missstände die Erosion der Gemeinschaft vorantreiben. Ob die zum Sündenbock bestimmten Menschen oder Gruppen wirklich Schuld tragen, gerät dabei zur Nebensache. Und Anlässe, in denen Kollektivhass sich auf ein Opfer richtet, lassen sich leicht, oft in Nebensächlichkeiten finden bzw. entsprechend konstruieren. An die Stelle von Menschen oder Menschengruppen können als Projektionsfläche zunächst und vorübergehend auch politische, ideologische oder religiöse Feindbilder treten, bis sich diese in gesellschaftlichen Krisensituationen in Personen gleichsam verkörpern.

Die reinigende Funktion des Sündenbocks ist in der Geschichte nicht selten umgeschlagen. Der auserwählte Mensch, der die Gemeinschaft durch sein Opfer zu einem neuen Zusammenhalt geführt hat, mutiert dann zum Heilsbringer. Auf ihn werden nun die Hoffnungen projiziert. Die Lynchjustiz bzw. der Mord an einem Menschen wird damit zum Grundstein einer neuen Kultur. Sie orientiert sich an der Lichtgestalt eines unschuldigen Opfers ungezügelten Hasses. Das spricht Jesus im Gleichnis von den bösen Winzern und in Anspielung auf seinen eigenen Weg an, wenn er Psalm 118, Vers 22, zitiert: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“ (Matthäus 21;42) Das Kollektiv reinigt sich durch diese Überhöhung des Opfers selbst von der in Verfolgung und Tötung aufgehäuften Schuld.

So leistet der Sündenbock ein Doppeltes: Er entlastet von Unzufriedenheit, Schuld und Schuldgefühlen, und er wird in der Folge zugleich zur Projektionsfläche für die Sehnsucht nach dem Heil.

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