Versuchung und Willensfreiheit

clausAllgemein

Wenn wir Menschwerdung als die Befreiung zur bewussten Entscheidung verstehen, dann kann es eine grundsätzliche Vorbestimmung des Lebens, auch zum Bösen, nicht geben. Wohl aber verfügt jedes menschliche Wesen über Spielräume an Anlagen, Vermögen und Erfahrungen, innerhalb derer er sich zum Guten oder zum Bösen hin entscheiden kann. Gut und Böse treten, so besehen, ins Sein als Konsequenz eines Willensaktes. Auf ihm beruht jedes bewusste Handeln, jedes Tun oder Nicht-Tun. Dieser Wille kann hinsichtlich der Frage von Gut und Böse nicht neutral sein. Und dies trifft sowohl auf den Willen zu, der aus der Freiheit als Wahl resultiert, als auch auf den, der die Freiheit zum reinen Willkürakt missbraucht.

Dass der Ursprung des bösen und lebensfeindlichen Handelns in der Willensfreiheit liegt, geht als philosophische Einsicht vermutlich auf Aurelio Augustinus (354-430) zurück. Erst durch die Wahl in Freiheit und damit durch den gewollten Einfluss des Menschen, lässt sich das Motiv des Tuns als gut oder böse einordnen. In der Freiheit liegt die letzte Bestimmung des Menschen und seine Letztverantwortung für Tun und Nicht-Tun sowie deren Konsequenzen.

Diese Freiheit strahlt als unsere Bestimmung seit dem Abschied aus Eden. Dem Mythos nach war es der Abschied aus der unbewussten Einheit mit Gott und der damit zugleich verbundenen paradiesischen Unmündigkeit. Erst durch diesen Schritt (danke, Eva!) entsteht Menschsein in Würde; erst dadurch bildet sich die Voraussetzung für eine personale Identität. Sie treibt aber zugleich die Anforderung, dem nun auch gerecht zu werden und die eigene Identität bewusst zu formen, immer weiter voran.
Zugespitzt, aber für die menschliche Existenz in Freiheit durchaus auch als symptomatisch anzusehen, ist die Entscheidung, in die der Versucher Jesus während dessen 40 tägigen Fastens führt. (Vgl. Lukas 4;1-13) Den drei außerordentlichen Versuchungen muss Jesus alleine und aus freier Entscheidung widerstehen. Kein Gott kann ihm das damit verbundene Ringen ersparen. Denn täte er dies, würde er damit zugleich die Grundlage dafür entziehen, sich bewusst dem Guten zuzuwenden. Die Versuchung wird zur Probe auf das Gnadengeschenk der Freiheit; und der Mensch ist aufgefordert, sich ihr immer wieder als würdig zu erweisen. Nur so können wir auch unserer letzten Bestimmung, nämlich nach dem Maßstab der Liebe zu leben, aus freier Wahl entgegengehen. Irrtum und Scheitern allerdings sollten mitbedacht werden. Das sogenannte Böse versteht es blendend, sich zu maskieren und als sein Gegenteil aufzutreten. Die Geschichte von Politik, Ökonomie und Herrschaft ist randvoll mit entsprechenden Geschichten.

Sollte an dieser Stelle die Frage auftauchen, worin sich denn das Gute und das Böse unterscheiden, so möchte ich mit Albert Schweitzer antworten:
Gut ist, was dem Leben und seiner Entfaltung dient.
Böse ist, was Leben bewusst vernichtet, schädigt, behindert.

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