Weltfremdheit

clausAllgemein

Die Gedanken von „Verwüstung und Stille“ in meinem letzten Beitrag möchte ich noch kurz fortführen.

Die Verwüstung im Äußeren, die spiegelbildlich dem Inneren des Menschen folgt, führt uns in einen Zustand, den wir als Weltfremdheit bezeichnen können. Sie begann, als wir die Bindung an unseren Ursprung und unsere Beheimatung im kosmischen Ganzen schrittweise abschnitten und uns in der Folge selbst fremd wurden. Je unerbittlicher wir uns darin zeigten, nicht nur die Materie zu beherrschen, sondern das Leben an sich, umso mehr löste sich die Empfindung der Verbundenheit auf. Das Ich rückte fortan ins Zentrum, und es bewegte sich in eine egozentrische und anthropozentrische Weltwahrnehmung und Weltaneignung. Unermessliche materielle Güter und Reichtümer entstanden daraus. Doch zugleich vergrößerte sich die Not. In den Folgen der Plünderung unserer Erde findet sie einen dramatischen Ausdruck. Wohlstand entstand um den Preis des Notstands, Überfluss um den des Mangels, Freiheit um den der Abhängigkeit. Entwicklung kam um den Preis der Vernichtung.
Sich nur selbst zu sehen und die eigenen Bedürfnisse absolut zu setzen, führte in die radikale Vereinsamung unserer Gattung. Sinnfällig zeigt sich dies etwa darin, dass ein Großteil der Menschen in der Unwirtlichkeit urbaner Steinwüsten mehr Heimatgefühle entwickelt als in der verbliebenen Natur. Gewiss, Natur hat auch in industriegesellschaftlichem und hochtechnologischem Kontext einen gewissen Stellenwert. Doch bei diesem geht es selten um den Selbstwert des Naturhaften und einen entsprechenden Respekt. Vielmehr steht seine Nützlichkeit als Konsumraum und Verbrauchsmasse im Vordergrund.

All dies ist keine Episode, die kam und wieder gehen wird. Nüchtern und illusionslos gilt es vielmehr zu registrieren, dass die herrschenden Formen politischen, ökonomischen und kulturellen Verhaltens die Erde und damit auch uns selber geistig und strukturell in einem eisernen Griff halten. Er lässt in unserem Denken und unserer Vorstellungskraft kaum noch Freiheitsräume, in denen eine andere Welt sich träumen, entwerfen und entwickeln könnte. Der Zugang zu dem uns als Menschen und Völkern angemessenen Maß auf allen Lebensebenen ist weitestgehend verbaut. Selbstgenügsamkeit ist aus dem Wortschatz verschwunden. Wir stehen gleichsam vor einer Wand. Sie liegt am Ende einer evolutionären Sackgasse. Dort wartet der Entzug, nicht nur der menschlichen, Lebensgrundlagen.

Das vertraute Menschheitszeitalter und der gegenwärtige evolutionäre Erdzustand, der viele Jahrtausende unzähligen Arten Behausung bot, geht somit auf sein Ende zu. Täglich betrifft das bereits seit vielen Jahren etwa 200 Arten. Doch bei allem apokalyptischen Realismus muss dies nicht unbedingt das Ende der menschlichen Geschichte bedeuten. Es tritt vielmehr auf als der folgerichtige Schritt, der inmitten des Schreckens doch als Chance zum sinnvollen Zukunftshandeln gesehen werden will.

Im bedingungslosen Loslassen lebensuntauglicher Sichtweisen, Empfindungen und Verhaltensformen kann der Bewusstseinsraum dafür entstehen. Und wenn dem Bewusstsein dann noch die Liebe zum Leben und daraus geborene Empfindungen folgen, wäre das nicht mehr und nicht weniger als der so notwendige Sprung über unseren eigenen Schatten. Er birgt das Potential, die Richtung jener verhängnisvollen evolutionären Energie zu überwinden, die uns noch immer trägt und uns vor sich her ins Verderben jagt.
Billiger allerdings, als diesen Quantensprung zu vollziehen, ist eine lebenswerte menschliche Zukunft nicht mehr zu haben.

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