Strukturelle Sünde

clausAllgemein

Noch so viel Einsicht…
Noch so viel Betroffenheit…
Noch so viel Bemühen…

Du hast das Gefühl, gegen Wände zu laufen. Immer wieder. Du möchtest ökologisch, erd- und lebensverbunden leben, und kommst doch an Plastik, an Automobilität oder an vergiftender Chemie in so vielem, was dich umgibt und was du nutzt, nicht vorbei. Du isst schon so lange kein Fleisch mehr, fliegst nicht, reduzierst das Schädliche, wo es dir möglich ist – doch dein ökologischer Fußabdruck in dieser Kultur bleibt ein Desaster. Wirklich nachhaltige, gerechte und dem Leben dienende Verhaltensoptionen sind kaum oder nur mit erheblichem Bemühen und durch gravierende „Kosten“ umzusetzen. Dem also, was Leben fördern will, wird nicht der Weg geebnet, es muss vielmehr Berge von Steinen aus dem Weg räumen.
Wir sind systemisch eingewoben in lebensfeindliche, das Leben vernutzende Strukturen. Sie führen in eine Form von „Schuld“, die nicht mehr nur persönlich zugerechnet werden kann. Es ist eine strukturelle Schuld, die aus struktureller Gewalt resultiert. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie, insbesondere Leonardo Boff (1938*), wählten dafür bereits Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts den Namen strukturelle Sünde. Sie zeigt sich u.a. als Ungerechtigkeit, Sozialverhältnisgewalt, architektonische sowie städte- und landschaftsplanerische Brutalität und daneben heute vor allem durch die Ausbeutung von allem, was lebt.

Strukturelle Sünde bezieht sich also auf überindividuelle Zusammenhänge, auch wenn es einzelne Menschen sind, die sie verursachen und verantwortlich am Leben halten. Sie wohnt den Strukturen inne; sie formt das Denken, Handeln und Verhalten; sie baut unüberwindbare Abhängigkeiten auf und missbraucht die menschlichen Bedürfnisse, um sich zu nähren; zugleich blockiert sie die Entfaltung, nicht nur von menschlichem Leben. Der Raubtierkapitalismus der Gegenwart mit seinem Glaubensbekenntnis von Wachstum, Konsum und Verschwendung steht exemplarisch für das, was strukturelle Sünde genannt wird.

Bleiben wir bei dem Bild des Raubtieres. Um es in seinem eigenen Revier zu erlegen, mag die Kraft fehlen. Aber wir können es schwächen, ihm die Lebensgrundlagen und die Lebensenergie Stück für Stück entziehen. Viele Einzelne, die an Netzwerken des Lebens weben und den Strukturen des Verhängnisses ein eigenes Lebensprinzip mit eigenen Handlungsmaximen gegenüberstellen, schwächen das Monster. So gesehen, kommt es auf jede einzelne Handlung an. Keine ist vergebens! Auch wenn uns die strukturelle Sünde lehrt, dass du gleichzeitig weiterhin eingebunden bleibst und es somit keine Unschuld und keine Reinheit im Sein gibt.

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