Ehrfurcht

clausAllgemein

„Wer nicht mehr staunen und in Ehrfurcht versunken stehen kann, ist so gut wie tot…“ (Albert Einstein)

Ehrfurcht – ein altes Wort. Und es klingt in diesen Zeiten der Maßlosigkeit, der Gedankenlosigkeit, des zerfließenden Respekts und der Grenzüberschreitungen wie etwas Fremdes aus längst vergangenen Tagen.

Ehrfurcht ist nicht angeboren, wir erwerben sie durch Sozialisation, Erziehung und vor allem dadurch, dass wir uns als Menschen ernst nehmen. Erst mit der Ehrfurcht beginnt nach meiner Überzeugung das wesenhafte, eigentliche Menschsein, das mehr ist als biologische, vegetative, kognitive und affektive Abläufe. Ehrfurcht kann als Haltung dem Leben gegenüber gesehen werden. Insofern umfasst sie mehr als bloße Bewunderung, Achtung oder auch Scheu. Nicht voneinander trennen lassen sich Ehrfurcht und Demut. Kongenial verschmelzen sie in einer Weise des Respekts, der sich dem, was uns übersteigt, hingibt.

Grundsätzlich vermag Ehrfurcht verschiedene Seinsebenen des Menschen betreffen bzw. durch diese initiiert werden. So kann sie sich auf außergewöhnliche Menschen richten, in denen etwas Größeres zum Ausdruck kommt. Überzeitliche künstlerische Werke, wie etwa die symphonische Musik von Beethoven, vermögen uns in eine Ergriffenheit zu führen, die in Ehrfurcht mündet. Die Erhabenheit der Evolution, die uns mit Naturphänomenen in der Seele berührt, und selbstredend das Werdeprinzip selber, das wir als Gottheit bezeichnen, rufen das Gefühl der Ehrfurcht hervor. Tiefe spirituelle Erfahrungen können mit ihr verbunden sein; und dafür reicht ein Seinszugang, der in Achtsamkeit aus den tiefsten Quellen schöpft.

In seiner Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die vor hundert Jahren erstmals das Licht der Öffentlichkeit betrat, hat Albert Schweitzer das Verständnis von Ehrfurcht neu erweckt. Und er hat es transzendiert, entgrenzt, indem er es auf das Leben an sich bezog und anmahnte. Ich habe schon einiges an dieser Stelle darüber geschrieben. Es mag deshalb heute reichen, daran zu erinnern, dass wir ohne diese Haltung der Ehrfurcht, und in der Folge der Demut und Hingabe dem Leben gegenüber, wirklich keinerlei Aussicht haben, diesen wunderbaren Planeten als Lebensquell zu bewahren. Die Chancen dafür sinken mit jedem Tag drastisch. „Zeit Online“ markierte in einem Artikel am 31.7. in Berufung auf die BBC den point of no return in ca. 18 Monaten; ab diesem Zeitpunkt werden alle gegensteuernden Maßnahmen, was den Klimawandel und die drastischen Folgefolgen betrifft, nichts Wesentliches mehr beeinflussen können. Dann beginnt unsere Zeit in zunehmender Geschwindigkeit abzulaufen.
Die Ehrfurcht vor dem Leben ist bzw. wäre die Basis für eine Welt, in der sich solidarisches und liebendes Miteinandersein nicht länger auf Zwischenmenschlichkeit beschränken, sondern das Sein an sich umfassen. Grundlegender wäre nie ein evolutionärer Schritt gewesen. Auch wenn nichts dafür spricht, aus dem Konjunktiv zu treten und diesen Schritt als Menschheit zu gehen; er bleibt für jeden einzelnen von uns die ultimative Aufforderung, sein Mögliches in diese Richtung zu tun. Um der Liebe und nicht zuletzt der Selbstachtung willen.

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