Unsterblich?

clausAllgemein

Gastbeitrag (incl. Foto) von Tilman Evers

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wir kennen diesen Satz von Albert Schweitzer, in dem er seine Gedanken zur Ehrfurcht vor dem Leben verdichtete. Wie aber steht dazu der andere Satz, der sich daran anfügt: Wir sind sterbliche Wesen, die den Tod scheuen, inmitten von sterblichen Wesen, die den Tod scheuen? Hebt das nicht den ersten Satz auf, weil doch sowieso alles untergeht? Im Gegenteil. In jedes Lebewesen ist der Zyklus von Geboren-Werden, Reifen und Sterben, von Keimen, Blühen und Verwelken eingebaut – und nur deswegen kann es das Große Leben in seinen abermilliarden Formen über Milliarden Jahre geben. Unsterblichkeit wäre Erstarrung. Der Tod ist Teil des Lebens. Er ist Ferment der Evolution.
Das meint freilich den natürlichen Tod, dessen Zeit in den Genen mitgegeben oder der in den Nahrungsketten begründet ist; gerade sie machen den Zusammenhang von Tod und Leben offenkundig. Es meint nicht die massenhafte, mutwillige Tötung von Lebewesen zum Fleischkonsum oder durch Pestizide, auch nicht die blinde Ausrottung von ca. 100 Arten pro Tag durch die anhaltende Gier einer einzigen Spezies, die sich ausgerechnet homo „sapiens“ nennt.

Wohl aber hat diese Ausrottung viel damit zu tun, wie der Mensch zu seiner eigenen Sterblichkeit steht. Es heißt, der Mensch sei das einzige Wesen, das um seine Sterblichkeit weiß. Sind wir da so sicher? Vielleicht ist der Mensch nur darin einzig, dass er das Wissen um seine Sterblichkeit nach Kräften verdrängt. Weithin leben wir so, als sei unsere Lebenszeit unbegrenzt und als ginge der Tod uns nichts an. Dass wir ihn dennoch insgeheim scheuen, ja die Angst vor ihm unterschwellig unsere gesamte Zivilisation durchzieht, das zeigt sich an den zahllosen Ersatz-Sicherheiten, mit denen wir unser Dasein anfüllen.

Da sind die von unserer Gattung erdachten und errichteten Schutzhüllen unserer Maschinen, unserer Städte und Transportmittel, die uns die Natur vom Leibe halten und untertan machen soll. Wie gut: Diese Hüllen aus Beton und Stahlblech kennen keine Sterblichkeit! Erkauft sind sie mit einem Raubbau an den Ressourcen der Natur, der uns übermenschliche Kräfte verleiht. Dass diese Kräfte entscheidend aus fossilen Energien, also der seit Jahrmillionen gespeicherten Biomasse stammen und damit endlich sind: Es ist aus dem Blick und aus dem Sinn geraten – mögen künftige Generationen sich kümmern. Lasst uns alles in Geld verwandeln und in Geld ausdrücken, denn auch Geld überdauert
den Tod. Und wenn all diese Lebens-Versicherungen, nein: Todes-Verdrängungen nicht reichen, bauen wir Mauern von Konsum und Zerstreuung um uns herum.

All dieser Kampf gegen unsere Sterblichkeit war nicht erfolglos: In den letzten hundert Jahren hat sich die Lebenserwartung verdoppelt, die Weltbevölkerung verfünffacht, die Wirtschaftsleistung verzehnfacht. Der Zukunftsforscher Hariri sagt weitere Zuwächse dieser Lebensverlängerungsindustrie voraus. Um welchen Preis? Wie viele Arten auf diesem Planeten müssen erlöschen, damit diese eine Art sich ihre Sterblichkeit weiter aus dem Blick rücken kann.

Es bleibt die Scheu vor dem Tod. Sie verbindet uns mit allem Lebenden. Und ja, sie mag bei uns Menschen stärker ausgeprägt sein – weil unser Bewusstsein uns dazu verleitet, uns mit unserem vergänglichen  Ich zu identifizieren. Aber das Leben in uns war und ist stets mehr und Größeres als dieses Ich. Es ist ein Geschenk, das uns auf Zeit verliehen ist, und dessen Quelle wir nicht kennen. Wir können sie allenfalls erahnen. Führt unser Sterben uns zurück in jenes Große Leben, aus dem wir kamen? Sind wir mitsamt unserem Geboren-Werden, Leben und Sterben nur eine Welle im Ozean dieses Großen Lebens – und in diesem überpersönlichen Sinne doch: unsterblich? Wir wissen es nicht. Aber die Hoffnung darauf kann uns helfen, nicht länger in Unsterblichkeits-Surrogate zu flüchten – die nun wirklich tödlich sind.
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