Kollektivwahn

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Wenn wir über das sogenannte Böse sprechen, denken wir zumeist an Personen, in denen es eine Ausdrucksweise findet. Doch gerade der Aspekt des Kollektiven ist für sein Verständnis von außerordentlicher Bedeutung. Im kollektiven Bewusstsein und im kollektiven Unbewussten hat das Böse eine unbegrenzte Heimstatt. Von hier aus kann es die einzelnen Menschen infizieren. Es macht sie zu Tätern und/oder führt sie in eine Haltung der stillen Hinnahme, die gegen das Unrecht nicht aufbegehrt bzw. die es verleugnet oder verharmlost. Im Rassismus und in religiösen/ideologischen Verblendungen findet der kollektive Schatten als Massenwahn seine vielleicht brutalste und ausuferndste Ausprägung. Oft wendet sich dabei das Mittelmäßige und Banale gegen das Andere, ja vielleicht Besondere.

Im Kollektivwahn findet der Einzelne die Möglichkeit, die in ihm latent hausenden Furchtbarkeiten zu leben und sich zugleich der Verantwortung zu entziehen, indem er auf den kollektiven/staatlichen Geist verweist. Über diese beschämende Haltung geben u.a. die Prozesse gegen die Nazi-Täter Aufschluss, in denen nur zu oft darauf verwiesen wurde, dass keine Eigeninitiative, sondern übergeordnete Befehle Anlass der persönlichen Untaten waren. Hannah Arendt (1906 – 1975), die 1961 als Journalistin für den „New Yorker“ den Eichmann-Prozess in Jerusalem verfolgte, schrieb über diese Flucht aus der Verantwortung für das eigene Tun: „Das Lästige an den Nazi-Verbrechern war gerade, dass sie willentlich auf alle persönlichen Eigenschaften verzichteten, als ob dann niemand mehr übrig bliebe, der entweder bestraft oder dem vergeben werden könnte… Das größte begangene Böse ist das Böse, das von Niemandem getan wurde, das heißt, von menschlichen Wesen, die sich weigern, Personen zu sein.“

Ein spezifisches Kennzeichen des Kollektivwahns liegt in der Wankelmütigkeit und Unberechenbarkeit der Massen. „Hosanna dem Sohne Davids, gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn “ und das „Kreuziget ihn“ liegen bedrohlich nahe beieinander. Davon kündet in bewegender Dramatik die Passion Jesu. Beim Einzug in Jerusalem noch begeistert empfangen, kippt die Stimmung abrupt. Jäh breiten sich Hass, Angst und Verleugnung aus und erfassen auch die engsten Gefolgsleute des Nazareners. „Mimetische Ansteckung“ nennt der französische Religionswissenschaftler René Girard (1923 – 2015) diesen Vorgang, der uns immer wieder auch in revolutionären Situationen und anarchischen Zuständen begegnet. Wie ein Virus verbreiten sich negative Emotionen über ganze Länder. Fast schlagartig stellt sich Einmütigkeit in Gruppen her, die sich gegen Einzelne oder gegen Minderheiten richtet. Es ist jene Einmütigkeit, von der man mit Bestimmtheit sagen kann, dass sie im Unrecht ist. Herausragendes Exempel für das Resonanzphänomen der mimetischen Ansteckung sind alle Formen von Lynchjustiz.

Richtet sich der Unmut von Bevölkerungsgruppen erst einmal auf eine Person aus und steigert er sich in der mimetischen Ansteckung und Aufpeitschung zur Raserei, dann kann eine solche Kollektivemotion nicht mehr gesteuert oder gar zur Vernunft gebracht werden. Im mimetischen Furor werden „Legionen“ momenthaft ihres Bewusstseins und ihrer moralischen Integrität beraubt – was mit der Versuchung Einzelner nie hätte gelingen können. Die kleinen und großen Volksverführer im Verlauf der menschlichen Geschichte bedienten sich genau dieses kollektiven Mechanismus der humanistischen Selbstaufgabe. Und auch die modernen Populisten spielen immer wieder auf der Klaviatur der Entmündigung und des Verderbens. Mit den sogenannten „sozialen Medien“ stehen ihnen heute dabei höchst effiziente Hassmaschinen zur Verfügung, die einer viralen Ausbreitung kaum noch Grenzen setzen.

Der spontan entfesselte Hass von Kollektiven, großen Menschenmengen und Bevölkerungsgruppen kann sich zu einem Muster verstetigen und zu einer Hasskultur auswachsen. In Gruppen tradiert, wird sie von Generation zu Generation weitergegeben. Genozide, terroristische Akte, systematische Verfolgung und Unterdrückung liegen auf der Blutspur dieser latenten Gewaltbereitschaft. In sie hinein wird der einzelne Mensch früh sozialisiert. Er erhält gleichsam eine sozialgenetische Prägung, die auf der Freiheit seines Denkens, Empfindens und Handelns lastet bzw. sie verklebt. Hassbezogene Erinnerungskulturen und Rituale, die an die Instinktenergie Einzelner und von Gruppen appellieren, wirken dabei als Prozesstreiber.

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