Der Blick

clausAllgemein

Als meine Augen alles
gesehen hatten,
kehrten sie zurück
zur weißen Chrysantheme.

(Bashô,1643 – 1694, japanischer Dichter)

Bilder umgeben den Menschen wie nie zuvor in der Evolution. Sie sind allenthalben, strömen aus den unterschiedlichsten Geräten. Der digitale Bilderwahn hat vor allem die Smartphone-Generation mit ihren Geräten symbiotisch verschmelzen lassen.
Bilder dringen in uns ein, berühren das Bewusstsein und setzen sich dort ab. Manche sinken in den Raum des Unbewussten, aber sie lösen sich nicht auf, wirken in einer schwelenden Energie.

Homo Sapiens ist ein Augentier, und er verfällt den pulsierenden Reizen, wenn er keine bewussten Grenzen zieht. Der gebückte Gang und der im Blick nach unten gerätewärts gerichtete Nacken, vor allem junger Menschen, steht beispielhaft für die auch körperlichen Folgen eines bewusstseinslosen Sogs.

Für eine notwendige Schule des Sehens scheint es zu spät, setzt diese doch den bewussten und einer bewussten Entscheidung folgenden Blick voraus. Sehen, in einem kulturellen und zivilisatorisch anspruchsvollen Sinne, basiert auf Entscheidungen, folgt Werten und Maßstäben, selektiert im Vorraum der visuellen Zuwendung.
Die damit verbundenen Fragen sind alt. Sie bewegen sich seit den Ursprüngen der Philosophie. Etwa Euklid (um 300 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) mit ihren Überlegungen zur Opsis  können hier angeführt werden. Danach hat das rechte Sehen immer auch eine moralische Ebene. Hüte deine Augen, dass sie nicht ausbrechen und wahllos umherstreunen…dass sie nicht in einen Sog geraten, aus dem es kein Entkommen gibt.

Solches Sehen will gelernt sein. Es erfordert Übung, bewusste Zuwendung und Verinnerlichung, genau wie eine Enthaltsamkeit, die sich dem entsagt, was durch die Augen in die Seele schneidet wie ein scharfes Messer. Von Friedrich Nietzsche kennen wir den Gedanken, dass wenn du lange in einen Abgrund schaust, der Abgrund dann auch beginnt, in dich zu schauen.

Gesehenes bleibt nie folgenlos. Um so wichtiger ist die Auseinandersetzung mit der Frage, um welche Folgen es mir geht und welche Übung mich zu welcher Tugend und welcher Haltung führen soll. Optisch Wahrgenommenes kann ein Eingangstor für Informationen sein, für Verzauberung, für das Grauen, für Obszönität, aber auch für das Heilige.

Die wahre Reise der Entdeckung besteht nicht darin,
neues Land zu erobern,
sondern mit neuen Augen zu sehen.
(Marcel Proust, 1871-1922 )


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