Wunschwelten und Treue

clausAllgemein

Wir leben in Wunschwelten und sehnen uns inmitten dieser zumeist nach Licht, auch in einem übertragenen Sinne. Licht steht für das, wonach wir uns strecken. Licht meint Leben. Licht ist auch eine Umschreibung für das Göttliche.
Das Dunkel hat demgegenüber oft etwas Bedrohliches; auch dies sowohl im physischen wie im übertragenen Sinne. Wir neigen dazu, ihm auszuweichen. Und schon gar nicht scheint es etwas mit dem Heiligen oder gar Göttlichen zu tun zu haben. Was für eine Verkennung! Umschreiben wir das „Göttliche“, das im Letzten unverstandene Sehnsuchtsgut, einmal nüchtern als das Absolute, als den Werde- und Entwicklungsimpuls, als die evolutionäre Energie, als die zum Prozess gewordene Urliebe zum Leben…dann ist diese Energie, ist dieses Absolute immer umfassend im ganzheitlichen Sinne. Hell und dunkel sind in Unterschiedlichkeit eins. Das Eine wäre nicht ohne das Andere. Oder wie Teilhard de Chardin (1881 – 1955) es sinngemäß ausdrückte:
Du kannst die Erhabenheit der Bergzinne nur erahnen angesichts der Tiefe des Abgrundes, aus dem sie aufragt.

Dieses gilt es nicht nur zu verstehen, sondern auch anzunehmen für unser Leben. Ja, wir müssen es als eine für das Sein an sich und für das göttliche Du wesentliche Weise der Erscheinung respektieren, es vielleicht sogar lieben. Dann führt  es uns aus der Verfangenheit in die eigenen, engen Bedürfnisse und Wunschwelten. Die Zweifel, die wir haben, wollen durch Gewissheit im Handeln beruhigt sein; trotz aller Paradoxie, die wir immer wieder zu spüren scheinen. Treue in einer Beziehung und damit auch die Treue zu dem, was wir das Göttliche nennen, besteht ihre größte Bewährungsprobe im Nichtverstehen des Du und im aufkeimenden Zweifel. Wachsende Empfindungsfähigkeit für die Berührungen aus dem transzendenten Raum und eine wachsende Geborgenheit sind die schönsten Früchte dieser Treue. In ihr findet, selbst in den Stunden tiefster Einsamkeit, zudem die Sehnsucht des Menschen Bestätigung. So hält er sich selbst die Treue.

Die Menschen, die sich Christen nennen, leben in der Gewissheit, dass in der Person des Jesus von Nazareth der unbekannte Gott sich selbst ausgedrückt und mitgeteilt hat. Diese Selbstmitteilung (Karl Rahner) sollte nicht nur als eine sich zum Menschen hinwendende Geste der Versöhnung verstanden werden. Sie will vor allem vielen Zweifeln den Grund und die Begründung nehmen. Zugleich leitet sie potentiell eine neue Stufe der Menschwerdung ein. Der Geist universaler Verbundenheit zeigt sich in der Theophanie des Alltäglichen und der Natur; Erkennen, Denken, Sprechen und Handeln entstehen aus einer neuen Klarheit; bedingungsloses Vertrauen kann wachsen, durch das, was wir den Tod nennen, hindurch. Transzendenz wird nun spür- und erfahrbar.

Doch eine Mahnung sei ausgesprochen: Geborgenheit und Vertrauen befreien nicht von Verantwortung. Von uns selbst Verursachtes, will auch von uns selbst bewältigt sein – personal, kollektiv, als Menschheit. So lautet der Preis der Menschwerdung, der Preis der Freiheit, der Preis eines Seins jenseits von Eden. Es ist die nüchterne Wirklichkeit. Und das gilt es wiederum nüchtern, wenn auch vielleicht gelegentlich nicht ohne Melancholie zu sehen.
 
Es fällt mir nicht schwer, solches angesichts der gegenwärtigen globalen und epochalen Krisen entsprechend klar zu formulieren:
„Selbst vermasselt, Menschheit, dann bade es auch ohne zu jammern aus. Gehe aufrecht, demütig, klar und würdevoll hindurch. Richte die Dinge wieder zurecht. Bringe sie in ihr natürliches Gleichgewicht. In dieser Frage wartet kein Gott, der dir die Mühen abnimmt und dich vor den unvermeidbaren Härten befreit.“

Aber es wird mir immer schwer fallen, ja unmöglich sein, wenn ich an Auschwitz denke, an die Gulags, an die Killing Fields. Trotz aller inneren Erfahrung und scheinbaren Erfahrungsgewissheit steht hier die unbeantwortbare Frage, die Mutter allen Zweifels, wieder machtvoll im Raum:

Sind der Wunsch und die Sehnsucht nach dem, was wir Gott nennen, vielleicht einfach wirklich nur ein Wunsch und bloß eine Sehnsucht?
Was fordert eine Treue, wenn du dich hier auf Erden nicht nur restlos verlassen fühlst, sondern es tatsächlich bist?
 
* * *
(Das Foto habe ich Anfang der Woche bei Goethes Gartenhaus in Weimar gemacht. Es zeigt den „Stein des guten Glücks“, den der Dichter dort errichten ließ.)

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