Seelenverlust?

clausAllgemein

Der Begründer der Tiefenpsychologie, Carl Gustav Jung (1875 – 1961), wies in seinem Werk auf den möglichen Verlust der Seele hin, und zwar sowohl der personalen wie auch der kollektiven. Ausartenden Materialismus und Konsumismus, die Entfremdung vom Leben und damit auch von sich selbst, die Abtrennung vom Mythos, der mir geistige Heimat gibt und mich trägt, können wir dafür verantwortlich machen. Und damit verliert der Mensch auch den Zugang zu seinem eigenen Sinn.

Aber kann es wirklich zu einem Verlust der Seele kommen?

Von der Antike, über die Mystik des Mittelalters bis hin zu modernen wissenschaftlichen Ansätzen hält sich der Gedanke, dass nicht die Seele abgeschlossen im Menschen, sondern der Mensch in der Seele lebt. Die Seele ist danach ein unendliches Feld, mit dem der einzelne Mensch in Resonanz geht. Aus dem Meer des Seelenhaften fällt gleichsam ein Tropfen in den Menschen und gibt ihm seine Identität – für eine Zeitspanne, die wir das Leben nennen. Im Tod löst sich die Seele vom Körper und kehrt in ihr Heimatreich zurück, zu dem sie die Verbindung allerdings nie verloren hat.

Die Seele, die im Menschen Raum nimmt, ist an sich rein. Wie sie sich mit dem Menschen entwickelt, wie sie auf seinem Schicksalsweg die Führungsrolle zwischen Geist und Körper ausfüllt, bestimmt der Mensch selber; gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst. Lebst du in Harmonie zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, bist du nach Schiller eine schöne Seele. Gehst du mit Liebe in Resonanz, wirst du Liebe sein. Ziehen Dinge dich magisch an, wirst du verdinglichen. Stellst du Resonanz mit dem Bösen und Lebensfeindlichen her, wird man dich eine schwarze Seele nennen.

Wie auch immer: die Seele ist immer da, und du kannst sie nicht verlieren. Du kannst sie ihrer Potentialität berauben und damit dich selber mindern; du kannst sie zuschütten und zudecken; du kannst dich von ihr abkoppeln. Aber das löst sie nicht auf. Und so kann auch die unterbrochene Verbindung zu deinen schönsten Möglichkeiten jederzeit wieder aufgenommen werden; wenn wir lernen, das Bewusstsein zu reinigen, das Herz von Interessen zu befreien, mit der Seelentiefe bewusst wieder in Resonanz zu gehen und uns entsprechend auszurichten.

Das Leben mit der Seele ist ein Prozess, und es ist Arbeit, Identitätsarbeit. Unsere Identität ist nicht, sie wird und wandelt sich im Werden. Dabei geht in diesem Prozess nichts verloren. Denn die Seele bewahrt, wie Hildegard von Bingen lehrte, das Erlebte in sich auf – sei es Freude, sei es Leid.

Selbstredend gilt das auf den einzelnen Menschen Bezogene auch für die Seele von Kollektiven und für das Seelenfeld der Menschheit, ja des Lebens an sich. Das macht die Bedeutung eines jeden Einzelnen für das Seelenganze deutlich. Auch hier bleibt nichts ohne Folgen, kein Gedanke, keine Tat, kein Unterlassen…

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