Wegweisende Furcht

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Hans Jonas (1903-1993) verdanken wir die umfassendste Ethik der technischen Zivilisation. Er gab ihr den Namen „Das Prinzip Verantwortung“ (1979). Schon in den Jahren und Jahrzehnten, in denen er lehrte und schrieb, sah er die Bedrohungen, die uns gegenwärtig umgeben, in großer Klarheit voraus – incl. der Selbstgefährdung unserer Gattung und der unzähliger Arten auf diesem Planeten. Und so formulierte er den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant (1724-1804):
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde
in den ökologischen Imperativ um:
Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.

Es steht uns danach nicht zu, das Sein des zukünftigen Lebens nur aufgrund der Art und Weise unseres eigenen Seins in Frage zu stellen oder zu gefährden. Zwar darfst du dein eigenes Leben durch dein Verhalten riskieren, niemals aber direkt oder indirekt das der Menschheit. Damit wir das nicht nur als einzelne Menschen, sondern auch als Staaten hinbekommen, gilt es die eigenmächtige Entwicklungsdynamik und „Treibtendenz“ der modernen Technologien und entsprechender Denkformen in den Griff zu bekommen. Dafür entwickelte der Verantwortungsethiker eine Bewusstseinsweise, die er Heuristik der Furcht nannte. Unter „Heuristik“ versteht man eine Form – oder besser – eine Kunst des Findens. Es geht hierbei um Regeln und Verfahren, die systematisch zu einer Problemlösung führen können. Die „Heuristik der Furcht“ nun lehrt uns, technische Entwicklungen und Anwendungen in großem Maßstab solange zu unterlassen, bis wir Aufschluss über deren mögliche direkte Folgen und über die Fernwirkungen haben. Dahinter steht die Einsicht, dass wir vor allem über die langfristigen Konsequenzen von neuen technischen Prozessen so gut wie nichts wissen, da keine Erfahrungen vorliegen. Atomtechnologie, Bio- und Gentechnologie, die Großchemie, Künstliche Intelligenz und ganz aktuell der neue Mobilfunkstandard 5G zählen etwa dazu.

Eine Heuristik der Furcht ist entsprechend geleitet von dem Grundsatz, immer zunächst das begründet schlimmstmöglich Denkbare anzunehmen, um zu einer Beurteilung zu kommen. Es gilt der Vorrang der schlechten vor der guten Prognose. Anders formuliert: Lasst uns fragen, was auf dem Spiel steht; lasst uns die denkbaren Konsequenzen reflektieren, statt blind voranzueilen; lasst uns innehalten und gesellschaftliche Diskurse führen, statt unwiderrufbare Fakten zu schaffen. Nur so können wir als Kultur lernen zu verstehen, ob wir etwas wollen, ob wir etwas nicht wollen, ob wir es möglicherweise anders wollen oder ob wir gar auf eine grundlegend andere, ggf. auch nichttechnische Orientierung setzen.

Dieses Denken verbindet asketische Ideale mit einer Weisungsfunktion, die aus begründeter Sorge kommt. Es setzt darauf, dass Menschen, um des Ganzen willen, bereit zur Genügsamkeit und zum Verzicht sind. Vor allem aber werden wir ermahnt, aus bloßen Augenblicksempfindungen, trügerischen Heilsversprechen und gedankenlosen Besänftigungen herauszutreten, die sich auf die zeitliche Ferne beziehen. Es gilt somit, von der Lebens- und Überlebensperspektive der kommenden Generationen her zu denken, zu empfinden und entsprechend entschlossen zu handeln bzw. zu unterlassen. Empathie will in diesem Prozess aus der engen, persönlichen Gemütsfalle befreit und räumlich sowie zeitlich entgrenzt werden. So kann sich dann auch endlich die sogenannte Nächstenliebe hin zur Fernstenliebe erweitern.


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