Der Schauende

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Er war der Großmeister der Scholastik, Heiliger, Kirchenlehrer und Verfasser des bis heute wohl bedeutendsten theologischen Werkes, der Summe der Theologie (summa theologiae). Er versöhnte Philosophie und Theologie und betonte Klugheit, Erkenntnis und Vernunft hinsichtlich der großen metaphysischen Fragen. Thomas von Aquin (1225-1274) erschuf ein außerordentliches geistiges Universum, das ihm u.a. den Namen doctor angelicus, der engelgleiche Lehrer, einbrachte.
Diese Vorrede ist notwendig, um das Ausmaß dessen zu verstehen, was sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens ereignete.

Am Nikolaustag 1273 soll Thomas laut Berichten, die sich auf seinen Sekretär stützen, während einer Feier der heiligen Messe eine innere Erfahrung gemacht haben, die ihn wohl zutiefst erschütterte. Er beendete anschließend abrupt die Arbeit an seinen Schriften und begründete dies mit den Worten:
Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.

Thomas starb drei Monate später, am 7. März 1274 auf der Reise zum Zweiten Konzil von Lyon, im Kloster Fossanova. Ob er, wie in manchen Quellen kolportiert wird, tatsächlich an vergiftetem Konfekt starb oder an einer plötzlichen schweren Erkrankung, bleibt ungeklärt.

Was war passiert an jenem 6. Dezember? Was hatte Thomas gesehen und mit welchen Augen? Was kann einen Menschen, brillanten Denker und zugleich tief religiösen Mann dazu führen, ein so anerkanntes, gigantisches Lebenswerk, das sich u.a. auf die antike griechische Philosophie stützte, von einem auf den anderen Moment zu verwerfen?
Es gibt, ehrlich gesagt, nur wenige Fragen, die mich mehr beschäftigen…

Man spricht hinsichtlich jener, alle Maßstäbe hinter sich lassenden Erlebnisse, von Gottes- oder auch mystischen Erfahrungen. Thomas muss für einen Moment, einen Augen-Blick, die Gnade zuteil geworden sein, dass sich der Vorhang zwischen sinnlicher und erdachter Welt und dem „göttlichen“ Universum geöffnet hat. Auch wenn wir niemals wissen werden, was Thomas sah, so gibt uns das Verhüllte doch Anlass zur Reflexion.
Ein Hinweis mag sein, dass menschliche Annäherungen an das Absolute – und seien sie noch so gut begründet und in stimmige geistige Systeme eingehüllt – einfach nicht tragen, ja nicht tragen können. Denn wie sollen das Begrenzte jemals das Unbegrenzte, das Relative jemals das Absolute, das Immanente jemals das Transzendente, das Menschliche jemals das Göttliche angemessen umfassen? Es kommt hinzu, dass sich sodann alle Beschreibungs- und Erklärungsversuche wiederum nur in einer unbeholfenen Sprache bewegen, die dem selben begrenzten Denk- und Wahrnehmungssystem entspringt und entspricht.

Für Thomas müssen alle ihm vertrauten Gedankengebäude und darauf bezogene Kausalitäten zerbrochen sein. Auch seine Theologie und vermutlich vor allem seine ganze Schöpfungstheologie, muss er als bodenlos erkannt haben angesichts der Berührung mit der Anderswelt. Vielleicht ist aber auch das schon wieder aus Nichtwissen resultierende Spekulation bzw. unangemessene Deutung.

Was folgt?
Demut hinsichtlich des Unerkannten…
Zurückhaltung bei Allem, was den eigenen Horizont übersteigt – und dies gilt auch bzw. vor allem für die Theologie selbst…
Sich kein Bildnis machen…
Verstehen und Akzeptieren, dass Dogmen erkenntnisfeindlich sind und potentiell dem widersprechen, was sie angstvoll schützen wollen – das Heilige…

Wie Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Der Schauende schrieb:“…das Ewige und Ungemeine will nicht von uns gebogen sein.“

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