Evolution der Fortpflanzung

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Im Zuge der Diskussionen um das Erdklima, das Artensterben und die Misshandlung unseres Planeten taucht als einer der wesentlichen Gründe die „Überbevölkerung“ auf. Wir sind zu viele für das sensible Gleichgewicht des Lebewesens Erde, sind zu selbstbezogen, zu anmaßend, zu gierig, zu gefräßig. So lautet das pauschale Urteil, und pauschal betrachtet, ist es so weit auch richtig. Doch es macht einen Unterschied, auf eine Masse von knapp acht Milliarden Menschen zu schauen oder auf jedes einzelne Menschenwesen, auf eine abstrakte Zahl oder auf Leben, das uns begegnet und das wir selber auch sind.
Dann kommt es zu den entscheidenden Fragen: Was heißt das? Wie damit umgehen? Mit welchen Mitteln? Es lohnt sich nun, genauer hinzuschauen.

Zu leicht neigen wir dazu, Probleme nach „Außen“ zu projizieren und dabei zu übersehen, dass wir eins sind, auch als Menschheitsfamilie. Es sind dann „die Afrikaner“, „die Asiaten“, „die Flüchtlingsfrauen“ mit einer Schar von Kindern um sich herum und schon wieder einem Babybauch. Gegen sie richtet sich der Unmut. Dabei wäre der Blick nach Innen so wichtig, zu den eigenen Kindern, den eigenen Enkeln und denen der engsten Bezugspersonen. Dann würden wir etwas von der Liebe spüren und der Verbundenheit, die beide abnehmen, je ferner und fremder uns Mitmenschen werden.

Die menschliche Fortpflanzung ist eine evolutionär begründete Naturgewalt. Sie diente und dient dem Erhalt der Gattung. Sie lehrt uns Nähe und Liebe. Entsprechend tief ist sie in unserem Unterbewusstsein, individuell und kollektiv, verankert und damit der sogenannten Rationalität oft nicht zugänglich. Dies gilt umso stärker, je unzulänglicher die Lebensbedingungen sind. In einigen Regionen der Erde mehr, in anderen weniger, bei einigen Menschen und Menschengruppen mehr, bei anderen weniger, verbindet sich das mit der Vorstellung von Kinderreichtum als Segen und wirklichem, oft überlebensnotwendigem Reichtum. Die Liebe, von der wir hier sprechen, kann allerdings nicht unbedingt mit einer umfassenden Seins- und Lebensliebe gleichgesetzt werden. Sie ist oft reduziert auf eine sentimentale und im Letzten wieder Ich-bezogene und an den Menschen gebundene Liebe. Sie  erhebt sich über alles. Und so folgt ihr eine Spur aus Missachtung und (ungewollter) Zerstörung.

Diskriminierungen, Verbote, staatliche Regulierungsmechanismen wie eine Ein-Kind-Politik, würden gleichwohl nichts bewirken, nur die Menschen in Unverständnis, in Widerstand und in Aufruhr führen. Sie widersprächen zudem grundlegenden humanen Werten und Selbstverständnissen. Es mag sich weltfremd anhören, doch auch in dieser Frage gilt in erster Linie das Prinzip Hoffnung, allerdings einer tätigen Hoffnung. Was meint das?

Evolutionär betrachtet, hat das Lebewesen Erde eigene Mechanismen zur Regulierung. Größen, die Grenzwerte dauerhaft und in steigendem Maße verletzen, führen sich der eigenen Gefährdung bzw. Vernichtung zu. Hohe Menschendichte auf knappem Raum, Instabilität der Öko- und der Sozialsysteme, unzureichende Gesundheit, Ernährung und vor allem Bildung bewirken eine allgegenwärtige Anfälligkeit auf unterschiedlichsten Ebenen – mit pandemischen Ausmaßen. Das scheint mir zu den Gesetzen natürlicher und sozialer Evolutionsprozesse zu gehören. Entsprechend sind Fließgleichgewichte zunehmend schwerer zu halten, nähern sie sich systemischen Kipppunkten und wendet sich dann die entsprechende Entwicklung gegen sich selbst. Der Mensch kann sich den Gesetzen des Lebens, dem er selber entstammt und das er selber ist, nicht dauerhaft entziehen.Gesellschaftlich und kulturell betrachtet, gilt es alles zu tun, Selbstgefährdung zu minimieren und eine Harmonie von Mensch und Erde und nichtmenschlichem Leben neu zu entdecken. Das jedoch geht nur durch Einsicht. Und genau das erfordert die Wahrung bzw. erst einmal die Herstellung der Menschenrechte.  Die Befriedigung der Elementarbedürfnisse wie Ernährung, Gesundheitsversorgung, sicheres Wohnen, Bildung, freier Informationszugang und gerechte Geschlechterverhältnisse sind dafür die Voraussetzung. Weltweite Erfahrungen zeigen, dass mit einer solchen kulturellen Evolution auch eine Evolution der Fortpflanzung, sprich sinkende Geburtenraten, einhergeht. In diese Richtung gilt es deshalb mit höchster Dringlichkeit und Konsequenz zu denken und zu handeln. Es macht wenig Sinn, sich in Ländern wie Deutschland, Österreich oder der Schweiz über Bevölkerungsexplosionen an den „Rändern“ dieser Erde oder in „Randbereichen“ der eigenen Kultur zu beschweren und gleichzeitig in Wohlstand zu baden, ohne bereit zu sein, das Zuviel abzugeben bzw. entsprechend zu investieren. Das ist zynisch und verlogen.

Beide Betrachtungsweisen und darauf bezogenes Geschehen benötigen Zeit. Zunächst werden sich deshalb die Probleme wohl drastisch weiter verschärfen, bis der Menschheit ein wahrhaft evolutionärer Schritt aus sich selbst heraus gelingt bzw. Mutter Erde uns schmerzhaft dahin führt. Für Beides braucht es ein Bewusstsein des Hindurch. Leiten können uns dabei weder eine Babypolizei noch Unbarmherzigkeit. Orientierung geben vielmehr Vertrauen und der Geist liebender Zuwendung zu allem Leben. Ohne dieses Vertrauen in die Prozesse des Lebens und seine Regulierungskraft und ohne die Haltung der Liebe laufen wir Gefahr, in einer eiskalten Logik zu erfrieren, welche die Güte des Menschseins an seiner CO2-Belastung pro Atemzug und dem Gebrauch von Boden pro Person bemisst.

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