Die längste Reise

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Die Dehnung der Zeit durch Bewegung und Gravitation, wie Albert Einstein sie in seiner Relativitätstheorie beschreibt, bezieht sich auf äußere, auf physikalische Prozesse. Diese sogenannte „Zeitdilatation“ ist meß- und berechenbar. Anders die Dehnung der Zeit in unserer subjektiven Wahrnehmung. Ihr Messinstrument ist die Empfindung. Ruhe, Entschleunigung und vor allem Stille sind ihre besonderen Verursacher. Durch die Dehnung der persönlichen Empfindungszeit eröffnen sich neue Blickweisen mit einer ganz eigenen Tiefenschärfe. Es ist wie bei einem Akkordeon, das die Verzierungen auf dem Balg dem Blick erst freigibt, wenn das Instrument auseinandergezogen wird.

Wir erleben momentan eine für unsere Kultur völlig außergewöhnliche persönliche und soziale Zeitdehnung. Die Bewegungen in der äußeren Welt sind so reduziert, dass sich immer wieder Erstaunen mit dem Blick auf die leeren Straßen und Plätze einstellt. Die Geschwindigkeit, ja Hektik, die sich nie begründen, nie für etwas rechtfertigen, ja entschuldigen musste, hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Irgendwo liegt sie lauernd wie eine Giftschlange in einer dunklen Ecke, sich sehr gewiss, dass ihre Stunde schon wieder kommen wird.

Die verordnete Aussetzung der kollektiven Raserei lädt ein, ja fordert uns mit hoher Dringlichkeit auf, dieses Geschenk nicht zurückzuweisen. Es ruft ja nichts von draußen. Da ist gerade nichts, was man zu verpassen Gefahr liefe.

Geh also nun die Innenwege, tauche ein in den See deiner eigenen Geschichte. Stelle dich deiner Tiefe und nimm an, was dir auf dieser Reise begegnet. Geh die Schritte zu dir selbst, auch um vorbereitet zu sein für die Zwischenzeiten. Sie werden sehr viel fordern; denn keine heute formulierte besänftigende Erwartung wird eintreffen.

Trotzdem sei eine Reise-Warnung ausgesprochen: Haben wir in einer stillen Stunde den Weg der Selbsterforschung begonnen, dann findet sich so schnell kein Ende. Hinter jedem nächsten Zielpunkt, der aus der Ferne zum Betrachten einlädt, öffnet sich schon im Näherkommen der Blick in einen neuen Wegabschnitt. Und du weißt, dass du ihm nicht ausweichen kannst, allenfalls einen Umweg in Kauf nehmen, der gleichwohl auch wieder mit Weggabelungen aufwartet. Der frühere UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (1905-1961), ein moderner Mystiker, brachte es in seinem Tagebuch „Zeichen am Weg“ auf den Punkt, als er schrieb: „Die längste Reise ist die Reise nach Innen“.

Es bleibt eine immer wieder neue Erfahrung, unserer eigenen Rätselhaftigkeit zu begegnen. Und je intensiver wir schürfen, in desto tiefere Schichten dringen wir dabei vor. Manchmal tastend, manchmal stürzend, wenn ein Erinnerungsabgrund sich auftut; manchmal im Herzen bewegt, wenn wir eine verstorben geglaubte Begegnung innerlich neu durchleben; manchmal fröstelnd, ob dessen, was der nüchterne, nun von Lebenserfahrung durchtränkte Blick, uns an vergangenem Geschehen schonungslos offenbart.
Fragen stellen sich. Unerforschliches wendet sich von uns ab. Wie einem Fremden begegne ich mir auf Distanz und manchmal wie einem Kind, das sich nach einer Umarmung sehnt.

Das pandemische Phänomen zeigt uns unmissverständlich, dass wir das Leben und die Erde zwar massiv misshandeln und vergewaltigen können, beide aber letztlich doch nicht im Griff haben. Das gilt auch hinsichtlich jeglicher Prognosen für die Zeit danach. Sicher ist allenfalls ein neues Bewusstsein von Unsicherheit, was die eigene Lebensplanung und auch was den Weg der Kultur betrifft. Schnell mündet das in Angst und Sorge. Vor allem dann, wenn ich mich nicht selber kenne, nicht in mir ruhe und mir meiner Verlässlichkeit gerade in Krisenzeiten nicht gewiss bin.
Dem aber dient die Entdeckungsreise nach innen, das Erkunden eines oft so unbekannten Landes. Je vertrauter die Seelenlandschaften werden, je sicherer der Schritt des Pilgers und je liebender ich das annehme, was mir begegnet, desto weniger bedrohlich zeigt sich all das, was uns im Außen gegenübertritt. Und ich kann auch dieses dann annehmen, als den unvermeidbaren Gang der Evolution.

So mag für die eigene Seele gelten, was Christian Morgenstern (1871-1914) in so wunderschöne Worte fasste…

Ich liebe dich, du Seele, die da irrt
im Tal des Lebens nach dem rechten Glücke,
ich liebe dich, die manch ein Wahn verwirrt,
der manch ein Traum zerbrach in Staub und Stücke.

Ich liebe deine armen wunden Schwingen,
die ungestoßen in mir möchten wohnen;
ich möchte dich mit Güte ganz durchdringen;
ich möchte dich in allen Tiefen schonen.

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